Lokalpresse:
15. Januar 2005, Dresdner Neueste Nachrichten
Dresden zwischen Coventry, Grosny
und Monrovia
von Heidrun Hannusch
Das Plakat ist mutig. Und Mut muss nicht
laut sein. In sehr zurückhaltenden Farben wird des 60.
Jahrestages der Zerstörung Dresdens gedacht. Und damit
auch der Zerstörung anderer Städte in der Welt.
Dresden kommt in der Aufzählung von zwölf durch
Krieg und Terror betroffener Orte erst an dritter Stelle -
hinter Bagdad und Coventry. Keine Wertung, die Reihenfolge
hat das Alphabet vorgegeben, hinter Dresden kommt Grosny,
etwas später New York und ganz am Ende Warschau.
Es gehe nicht nur um "Innensichten,
sondern um ein ganzes Jahrhundert von Leid", meinte Oberbürgermeister
Ingolf Roßberg (FDP), als er gestern das offizielle
Plakat der Stadt zum 13. Februar vorstellte. Und er sagte
noch: "Dresden ist kein Einzelfall in der Geschichte."
Der 13. Februar ist ein schwieriges
Datums: Für jene, die den Tag in Dresden erlebt haben
und mit dem Trauma ein Leben lang zu tun haben. Und weil es
seit 60 Jahren Versuche gibt, das Datum zu instrumentalisieren.
Dresden will das Gedenken an die Zerstörung der Stadt
durch alliierte Bomber 1945 weder rechts- noch linksextremen
Parteien und Gruppen überlassen, sagte Roßberg.
Auf die Frage, ob man rechte Aufmärsche nicht verbieten
könne, erklärte er: "Wir können es nicht
verhindern." Und verwies darauf, dass hinter den geplanten
Aktionen mit der NPD auch eine Partei stehe, die jetzt in
Fraktionstärke im sächsischen Landtag sitze. Befürchtet
wird der Aufmarsch von bis zu 5000 Rechtsextremisten. Das
Stadtoberhaupt forderte die Einwohner auf, Zeichen zu setzen
gegen einen Missbrauch des Jahrestages. Die Stadtverwaltung,
so Roßberg, wolle auch einer "übersteigerten
Mythologisierung" der Geschehnisse entgegenwirken.
Zum Gedenken an die Zerstörung
Dresdens finden bereits im Vorfeld des 13. Februar Konzerte,
Diskussionen, Ausstellungseröffnungen, Lesungen und Friedensgebete
statt. So wird am 19. Januar, 19.30 Uhr im Festsaal des Dresdner
Rathauses zu einer Podiumsdiskussion "Wortmeldungen II"
geladen, eine öffentliche Diskussion über Sinn,
Inhalt und Art des Erinnerns. Am 20. Januar verspricht es,
kontrovers zu werden, wenn bei einer Tagung des Hannah-Arendt-Institutes
für Totalitarismusforschung der britische Historiker
Frederick Taylor seine Forschungen zum Angriff britischer
und amerikanischer Bomber auf Dresden vorstellen wird. Roßberg
sprach von seriösen Forschungen des Historikers. Und
sagte: "Man muss auch Wahrheiten zur Kenntnis nehmen,
die möglicherweise unangenehm sind."
Am 22. Februar um 15 Uhr beginnen die
Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die Interessengemeinschaft
13. Februar und das Bildungswerk Weiterdenken in der Heinrich-Böll-Stiftung
im Vortragssaal des Residenzschloss eine Veranstaltungsreihe
mit dem Titel: "13. Februar - Erinnerungen im Wandel".
Die erste Veranstaltung hat die Darstellung des zerstörten
Dresden in den Photographien Richard Peters aus den Jahren
1945/49 und den Zeichnungen Dresdner Malers und Graphikers
Wilhelm Rudolph zum Thema. Erstmals werden die Originale im
Kupferstichkabinett präsentiert.
Über 60 Angebote offeriert die
Veranstaltungsbroschüre zum Jahrestag, die seit gestern
an den Infostellen der Rathäuser (Dr.-Külz-Ring,
Hamburger Straße, Riesaer Straße), in den Städtischen
Bibliotheken und in der Kreuzkirche ausliegt. Am 13. Februar
sind unter anderem ein Friedenslauf, eine Kranzniederlegung
auf dem Heidefriedhof, ein ökumenischer Gottesdienst
in der Kreuzkirche sowie die Übergabe eines Nagelkreuzes
aus Coventry in der Frauenkirche geplant. Am Abend wird auf
dem Dresdner Altmarkt eine "Erinnerungsstelle für
die Verbrennung der Toten der Luftangriffe von 13. bis 15.
Februar 1945" eingeweiht.
up
15. Januar .2005, Sächsische
Zeitung Dresden
Leuchtprojekt
verhindert
Von Katja Solbrig
Eine Leuchtspur hätte es geben
sollen, quer durch die Innenstadt. Von der Synagoge, am Polizeipräsidium
vorbei, über den Neumarkt bis hin zum Altmarkt. 40 Stunden
lang hätten die etwa menschengroßen Quader aus
Plexiglas geleuchtet, vom Abend des 13. Februar an. Damit
wollte Lumopol, eine Gruppe aus Künstlern, Stadtplanern
und Architekten, einen Beitrag leisten zum 60. Jahrestag.
Sie sprachen die Initiatoren des Aufrufes „Dresden,
13. Februar – Ein Rahmen für das Erinnern“
an, zu denen auch Peter Teichmann, Referent des Oberbürgermeisters
und Koordinator der Veranstaltungen, gehört.
„Wir hatten durchweg positive
Resonanz auf unser Projekt“, sagt Paul Göschel
von Lumopol. Nach dem Gespräch mit den Initiatoren stürzten
sich die vier Lumopol-Leute in die Arbeit: feilten am Konzept,
beantragten Projektförderung, suchten Sponsoren. Lumopol
konnte Philips für die „Leuchtspuren“ begeistern,
das Unternehmen wollte die gesamte Lichttechnik bereitstellen.
„Gleichzeitig haben wir enorme ideelle Unterstützung
gefunden, in Dresden und auch weltweit“, sagt Göschel.
Nur von Peter Teichmann hörten
sie nichts mehr. „Er wusste seit Oktober von dem Projekt,
wir haben den gesamten Dezember versucht, ihn zu erreichen.
Schließlich haben wir Kontakt zu Ordnungsamt und Straßen-
und Tiefbauamt aufgenommen.“ Die wiederum wollten den
politischen Segen dieser Sache. Lumopol saß die Zeit
im Nacken, spätestens am 7. Januar hätten sie anfangen
müssen, die Leuchtkörper zu produzieren. Am 6. Januar
kam vom Straßen- und Tiefbauamt eine Absage. „Viel
zu spät, um noch etwas klären zu können.“
Peter Teichmann dagegen sagt, Lumopol
habe erst sehr spät detaillierte Pläne eingereicht.
Von Emails oder Anrufen vor der Weihnachtszeit sei ihm nichts
bekannt. „Und außerdem können sie ihr Projekt
ja auch nächstes Jahr machen.“
Die Lumopol-Leute fühlen sich vor
den Kopf gestoßen. „Vielleicht war das mit der
Bürgerbeteiligung doch nicht so gemeint?“
up
15. Januar 2005, Sächsische Zeitung
Dresden
Eine
Stadt unter vielen
Von Katja Solbrig
„Das Schicksal der Stadt Dresden
muss eingereiht werden in eine lange Liste anderer Städte“,
sagte OB Ingolf Roßberg (FDP) gestern, als er auf einer
Pressekonferenz das Plakat anlässlich des 60. Jahrestages
der Zerstörung Dresdens vorstellte. Das Motiv des Plakates
ziert auch die Broschüre mit den Veranstaltungen, die
um den 13. Februar stattfinden.
Die Stadt ist darauf alphabetisch eingeordnet
in eine Reihe von zwölf Städten, die alle in der
jüngeren Vergangenheit durch Krieg, Bürgerkrieg
oder Terrorakte ganz oder teilweise zerstört wurden.
Dresden steht dort zwischen Coventry und Grosny.
Keine Mythologisierung
Am kommenden Mittwoch diskutieren Roßberg,
Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Dresdner Jüdischen
Gemeinde, Oberlandeskirchenrat Christoph Münchow und
Friedemann Bringt vom Kulturbüro Sachsen die unterschiedlichen
Erwartungen an das Gedenken.
Über 60 weitere Angebote rund um
den 13. Februar offeriert die Veranstaltungsbroschüre
in deutscher und englischer Sprache, die seit gestern in den
Infostellen der Rathäuser, in den Städtischen Bibliotheken
und in der Kreuzkirche ausliegt. Seit Redaktionsschluss im
November sind weitere Veranstaltungen dazugekommen. Das aktuelle
Programm gibt es im Internet.
Roßberg betonte, man wolle, so
tragisch und furchtbar das Schicksal Dresdens sei, einer übersteigernden
Mythologisierung dieses Datums entgegenwirken. Gleichzeitig
appellierte er, den Missbrauch des Gedenkens von rechten oder
linken Extremen zu verhindern. „Hier ist bürgerschaftliches
Engagement gefragt.“ Wenn eine Partei, die Fraktionsstatus
im Landtag hat, eine Demonstration anmelde, könne man
die als Stadtverwaltung schlecht verbieten. Zu Sicherheitsmaßnahmen
am 13. Februar informiert Ordnungsbürgermeister Sittel
(CDU) in der kommenden Woche. S. 9
up
Sächsische Zeitung Kultur
15.01.2005
Dresden
im Luftthesen-Krieg
Skandalisierung. Medien und
Politiker polemisieren gegen einen britischen Historiker.
Von Oliver Reinhard
Am 13. Februar 2005 steht wohl mehr
als in den letzten Jahren der internationale Ruf Dresdens
als offene, tolerante Stadt auf dem Spiel. Zum 60-jährigen
Gedenken an die alliierten Luftangriffe haben sich 200 Journalisten
aus aller Welt angekündigt. Sie werden über die
Gedenkfeiern berichten, damit auch über Veranstaltungen
an den Rändern des politischen Spektrums. Eine Großdemo
unternehmen erneut die Rechtsextremisten, die sämtliche
Toten des Bombardements, also auch die NS-Täter unter
ihnen, als „Opfer“ verklären. Als Reaktion
darauf werden wieder Linksextremisten aufmarschieren, die
in umgekehrter Simplifizierung sämtliche Opfer als Täter
verdammen, und damit sogar politische Häftlinge und Säuglinge.
Schockierend, geschmacklos?
Als wäre das nicht bedenklich genug,
betreiben im Vorfeld eine Zeitung und Politiker eine seltsame
Kampagne gegen den britischen Historiker Frederick Taylor.
Der Autor des Buches „Dresden, Dienstag, 13. Februar
1945“ wird am 20. Januar im Dresdner Rathaus auf Einladung
des Hannah-Arendt-Instituts sprechen. Dieser Umstand war ein
gefundenes Fressen für ein Boulevardblatt, wenngleich
offenkundig niemand dort das Buch überhaupt gelesen hat.
Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass die
Zeitung Taylor als „Skandal-Autor“ bezeichnet,
ihm die Aussage: „Dresden zu zerstören war absolut
richtig ... und kein Verbrechen“ unterstellt, ein dazu
passendes, aber falsches Empörungs-Zitat vom Leiter des
Dresdner Stadtarchivs abdruckt und Dresdner Bürger zur
öffentlichen Empörung anstachelt.
Das entspricht den Gesetzen des Boulevard
und wäre zu verschmerzen, würden mittlerweile nicht
auch Politiker Taylors Einladung als „schockierend und
geschmacklos“ kritisieren. Ein Vertreter der CDU befand
etwa, „mit Taylors Auftritt wird man dem Andenken der
Verstorbenen nicht gerecht. Da fehlt die Sensibilität“.
Die FDP-Fraktion im Stadtrat gar hat
sich scheinbar von einer Wirtschafts- in eine militär-
und rechtshistorische Expertenrunde verwandelt. In einer Pressemitteilung
greift sie die Boulevard-Terminologie auf – „Skandal-Autor
im Rathaus“ – und erklärt, ohne nähere
Sach-Angaben und unabhängig von der Gepflogenheit, derart
deutliche Thesen auch zu begründen: „Dresden zu
zerstören war unnötig und militärisch sinnlos“.
Was durchaus im Widerspruch steht zum aktuellen Forschungsstand.
Möglicheweise lassen sich die Vorwürfe
gegen Taylor auch als publizistische und politische Annäherungsversuche
an sensible Befindlichkeiten der Leser- und Wählerschaft
verstehen. Es wäre eine probate Strategie, die gleichwohl
als unüberlegte, den Ruf Dresdens gefährdende Verantwortungslosigkeit
enden könnte. Es ist nicht schwierig, sich rasch, laut
und öffentlichkeitswirksam zu empören. Mehr Mühe
bereitet es, die sachliche Grundlage gewisser Behauptungen
vorher sorgsam zu recherchieren. Oder Taylors Buch zu lesen,
dessen tatsächliche Haltung schon im Vorwort unmissverständlich
wird.
Dort heißt es mit Blick auf die
damalige internationale Rechtslage – schließlich
geht es um ein mögliches Verbrechen, also Verstoß
gegen geltendes Recht –, Dresden „konnte nach
den vagen Bestimmungen der Haager Konvention von 1907 als
ein legitimes Ziel betrachtet werden ... Das heißt jedoch
nicht zwangsläufig, dass die Anglo-Amerikaner berechtigt
waren, Dresden überhaupt zu bombardieren.“ Und
weiter: Die Bombardierung war „ein schreckliches Ereignis
... Ob sie auf irgendeine Weise zu rechtfertigen war, überlasse
ich dem Urteil meiner Leser“. Die FDP behauptet dennoch,
Taylor betreibe „Rechtfertigung für zehntausende
sinnlose Opfer“.
Taylors wahre Haltung kennzeichnet das
ganze Werk. Ausgewogener, fairer, sensibler kann man es kaum
ausdrücken. So empfinden es u.a. auch Dresdens Oberbürgermeister
Roßberg (FDP, zugleich Kenner des Buches) sowie viele
Zeitzeugen der „IG 13. Februar“, von denen Taylor
einige für die Publikation interviewt hat und zitiert.
Forum im Rathaus
Wer sich mit zugespitzten Luft-Thesen
nicht begnügen mag, dem sei das vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut
hochkarätig bestückte Forum im Rathaus empfohlen.
Dort werden Taylor und etliche andere international renommierte
Experten über den Bombenkrieg referieren, Schicksale
der britischen und deutschen Zivilbevölkerung und völkerrechtliche
Aspekte vor allem der Angriffe auf Dresden.
Forum „Strategische und ethische
Probleme des Bombenkriegs – Das Beispiel Dresden“:
20. Januar, 13 Uhr, Rathaus DD
Frederick Taylor: Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, C.
Bertelsmann, 26 Euro
up
14. Januar 2005, Dresdner Neueste Nachrichten
13. Februar: Rechte Demo angemeldet
Welches Bild wird am 13. Februar von
Dresden aus um die Welt gehen? Es darf kein von rechten Demonstranten
dominiertes sein, sagte Oberbürgermeister Ingolf Roßberg
(FDP) zum DNN-Neujahrsempfang und appellierte an die Dresdner,
selbst dieses Bild zu bestimmen. Denn es wird tatsächlich
die Welt erreichen, bisher – so Roßberg –
hätten sich bereits 200 Journalisten zur Berichterstattung
über den 60. Jahrestag des Bombenangriffs auf Dresden
akkreditieren lassen.
Die rechte Szene ruft inzwischen schon ihre Anhänger
zum Trauermarsch nach Dresden. Treffpunkt am 13. Februar hinter
der Semperoper. Organisator des Marsches ist wie schon in
den Jahren zuvor die „Junge Landsmannschaft Ostpreußen“.
„Ja“, bestätigt Rathaussprecher Kai Schulz
gegenüber DNN, „die Landsmannschaft hat eine Demonstration
angemeldet“. Entschieden sei aber noch nicht darüber,
es bestehe noch Koordinierungsbedarf. Den Platz für die
Anschlusskundgebung an dem Trümmerfrauen-Denkmal vor
dem Rathaus hatte sich die Landsmannschaft mit einer Vorab-Anmeldung
für den Tag des 13. Februar bereits bis 2013 „reserviert“.
Die Grünen hatte nach Bekanntwerden des Fakts eine Veranstaltungsanmeldung
für den Platz und den 13. Februar von 2014 bis 2070 nachgereicht.
heha
up
14.Januar 2005, Dresdner Neueste Nachrichten
"Niederträchtigster
Antrag der Landtagsgeschichte"
von I.Pleil
Dresden. Die rechtsextremistische NPD
im sächsischen Landtag lässt mehr und mehr ihre
biedere Maske fallen: Jetzt hat die Fraktion einen Antrag
eingebracht, mit dem offenbar aus den Opfern der Bombenangriffe
auf Dresden politisches Kapital geschlagen werden soll. Die
Fraktion beantragt mit dem DNN vorliegenden Papier die Errichtung
einer Sächsischen Landesstiftung "Opfer des Luftkrieges"
und die Schaffung eines regulären Gedenktages zur Erinnerung
an die alliierten Luftangriffe vom 13./14. Februar 1945. Als
Anlass benutzt die Fraktion den 60. Jahrestag der Zerstörung
Dresdens durch anglo-amerikanische Bombenangriffe. Die Erinnerung
an "das singuläre Ereignis des Bombenkrieges als
auch an die ungezählten Opfer unter der deutschen Bevölkerung"
müsse wachgehalten werden, heißt es. An anderer
Stelle ist vom "Jahrhundertverbrechen des alliierten
Bombenkrieges" die Rede. Es solle ein Dokumentationsarchiv
eingerichtet werden - "vergleichbar etwa der Archivtätigkeit
der von Steven Spielberg ins Leben gerufenen Shoah-Stiftung".
Vertreter der anderen Landtagsfraktionen
reagierten gestern mit Empörung auf diese Initiative
und lehnten sie eindeutig ab. Die Zielrichtung der NPD sei
klar, meinte der parlamentarische Geschäftsführer
der PDS-Fraktion, André Hahn, die Partei will die Debatte
umdrehen und Deutschland in eine Opferrolle bringen. Dabei
stehe schon jetzt das Gedenken an die Opfer der Luftangriffe
außer Frage. Einer separaten Stiftung bedarf es dafür
nicht, sagte Hahn, der der Ansicht ist, dass der Luftangriff
auf Dresden vor 60 Jahren keinen militärischen Sinn mehr
hatte. Die NPD lasse jedoch bewusst außer Acht, dass
der Krieg von Deutschland angezettelt worden war. Mit ihrem
politischen Manöver versuche die NPD eine "Relativierung
der Naziverbrechen". Dafür sollen die Bombenopfer
instrumentalisiert werden, erklärte Hahn.
Laut CDU-Fraktionschef Fritz Hähle
passt der NPD-Antrag nicht in die "Tradition der Versöhnung",
die von Dresden ausgehe.
"Das ist der niederträchtigste
Antrag, den der Landtag bislang gesehen hat", sagte der
parlamentarische Geschäftsführer der Grünen,
Karl-Heinz Gerstenberg. Der 13. Februar sei immer ein Tag
des Gedenkens an die Opfer und der Erinnerung an die Schuld
der Nazis. Deren Krieg sei auf Deutschland zurückgefallen
und habe hier für schmerzliche Opfer gesorgt. Es sei
deshalb "besonders abstoßend, wenn eine Partei,
die sich wie die NPD in der Tradition und Ideologie auf den
deutschen Nationalsozialismus beruft" einen solchen Antrag
stellt. Es sei eine Beleidigung für die Opfer, dass sie
dafür missbraucht werden sollen.
up
13. Januar 2005, Dresdner
Neueste Nachrichten
Streit um 13. Februar ist vorprogrammiert
von hw
Der 60. Jahrestag der zerstörerischen
Bombardierung Dresdens am 13. und 14. Februar 1945 nähert
sich und es ist absehbar, dass es diesmal nicht bei einem
stillen Gedenken bleiben wird. Den Auftakt der offiziellen
Veranstaltungen bestreitet die Reihe "13. Februar - Erinnerungen
im Wandel", die am 22. Januar, 15 Uhr, mit dem Vortrag
"Die Zerstörung Dresdens in Fotografien von Richard
Peter" im Schloss beginnt.
Derweil haben so genannte "Antifaschisten"
Demos angekündigt, mit denen sie "Naziaufmärsche"
und "bürgerliche Gedenkzeremoniells" stören
wollen, um gegen "die Selbststilisierung der Deutschen
zu einer Nation von Opfern vorzugehen". Da ist Streit
vorprogrammiert.
Und für Zündstoff wird wohl
auch das jüngst erschienene Buch "Dresden, Dienstag,
13. Februar 1945" des Briten Frederick Taylor sorgen.
Für seine Abhandlung über Dresden und dessen Zerstörung
wertete Taylor die deutsche wie auch die englische und US-Sicht
auf das Bombardement aus, verzichtete allerdings auf Archivrecherchen.
In - durchaus durchdachter - Auswertung von Literatur und
Zeitzeugenberichten kommt er zu Schlüssen, die man in
Dresden nicht gern hört: Es habe keine Tieffliegerangriffe
im Zuge des Bombardements gegeben, außerdem kommt er
auf eine Zahl von "nur" über 25.000 Toten (andere
Autoren sprechen dagegen von zehn Mal soviel). Weiter meint
er, Dresden sei angesichts seiner Rüstungsindustrie "ein
durchaus legitimes" Kriegsziel gewesen. Aber er betont
auch, dass die Briten keinen Anlass hätten, auf Flächenbombardements
deutscher Städte stolz zu sein. "Die Briten hatten
die moralische Kraft auf ihrer Seite, aber ihre Generäle
wurden deshalb nicht gütig oder human."
Am 20. Januar, 19.30 Uhr, wird Taylor
seine Arbeit im Rathaus auf einer öffentlichen Tagung
des Hannah-Arendt-Instituts vorstellen. Das Institut richte
politischen Flurschaden an, kritisierte nun FDP-Stadtrat Jan
Mücke. "Ich finde es zutiefst schockierend, dass
nur einen Steinwurf von der Stelle, wo seinerzeit die Leichenberge
verbrannt wurden, eine Rechtfertigung für zehntausende
sinnlose Opfer öffentlich verkündet werden soll",
so Mücke.
up
11. Januar 2005, Sächsische Zeitung
Letzte
Spuren (Serie 1.Teil)
Von Jörg Marschner
Kinder des 13. Februar 1945 (1): Die
Nacht des Infernos war für Zehntausende ein Drama - für
die kurz vorher im Klinikum Dresden-Johannstadt Geborenen
und ihre Mütter ganz besonders.
Eine Kreißende lag in den Wehen,
sechs Schwangere waren vorsorglich eingeliefert worden. Wenig
später musste ich mich noch um eine Sturzgeburt kümmern.
Ich wusch gerade die Instrumente, da heulten die Sirenen.
Mir wurde eiskalt. Ich rief den Frauen zu: ,Zieht euch an,
los in den Keller!? Die Kreißende brachte ich selbst
nach unten. Direkt über der Klinik standen vier ,Christbäume'
(Leuchtbomben zur Aufklärung der Ziele - d. Red.). Da
wusste ich: Jetzt sind wir dran. Die Kreißende im Keller
rief nach mir. Ihr war übel. Ich holte einen Lappen,
wollte ihn nass machen. Lief zum Wasserhahn. Doch bevor ich
ihn erreichte, krachte es. Hinter mir brach alles herunter.
Ich suchte die Kreißende - sie war begraben unter Tonnen
von Steinen."
So erlebte die Hebamme Martha Marquardt
den Beginn des Angriffs am 13. Februar 1945 im städtischen
Johannstädter Krankenhaus. Über tausend Babys hatte
sie bis dahin schon auf die Welt geholt. Die dortige Frauenklinik
war immerhin die zweitgrößte des Deutschen Reiches.
In jener Bombennacht sollen - so schilderte es Marta Marquart
in den 60er Jahren in ihren Erinnerungen - 74 Neugeborene
vorsorglich in den "Kinder-Keller" gebracht worden
sein und dort überlebt haben.
Nicht eine einzige Akte
In diesem "Kinder-Keller"
muss auch Petra Roschinski, geborene Nagel, gelegen haben,
damals gerade 36 Stunden alt. Die Hamburgerin wollte mehr
wissen über diese Kinder des 13. Februar, über ihre
Retter, über den weiteren Lebensweg der Babys in den
ersten Wochen und vielleicht auch über ihre Mütter.
Aber ob Dresdner Stadtarchiv oder Sächsisches Hauptstaatsarchiv,
ob das Urkundenwesen beim Dresdner Standesamt oder die "Interessengemeinschaft
13. Februar" - nirgendwo fand Petra Roschinski eine konkrete
Spur.
Auch Marina Lienert konnte Petra Roschinski
nicht groß weiterhelfen. Die Historikerin arbeitet in
der Dresdner Uniklinik - sozusagen der Nachfolgerin des Johannstädter
Krankenhauses - am Institut für Geschichte der Medizin.
Auch für sie ist der in den 60er Jahren zu Papier gebrachte
Erlebnisbericht der Hebamme Martha Marquardt eine der wichtigsten
Quellen. Weder über die Zahl der Wöchnerinnen und
der Babys noch über die der Opfer existieren Akten. Alles
ist vage. "Man spricht von 200 Toten in der Frauenklinik,
Patienten und Personal zusammen." Die wahre Zahl könnte
kleiner oder größer sein. Beispielsweise bleibt
ungewiss, ob Petras Mutter hier mit erfasst ist. Ihr Mann
Willy Nagel, Pianist beim deutschen Polizeimusikkorps Oslo,
hatte in Norwegen von Petras Geburt erfahren und ebenso davon,
dass seine Frau als vermisst galt. Erst im April 1945 kam
er nach Dresden, ging natürlich zur Frauenklinik, fand
seine Frau in den Trümmern und ließ sie in Dresden-Leuben
beerdigen. Das klingt fast unwahrscheinlich, aber so erzählte
er es später seiner Tochter .
"Überall brannte es, lagen
Tote, flüchteten schreiende Menschen", schilderte
die 1998 gestorbene Martha Marquardt. Dass es in diesem Inferno
gelang, die Babys zu bergen und fortzubringen, ist eigentlich
ein Wunder. Wie es geschah, weiß keiner. Auch darüber
existieren keine Unterlagen. Die Historikerin Marina Lienert
kann nur so viel sagen: Eine Villa am Waldpark, das Gymnasium
Dresden-Blasewitz und schließlich das Sanatorium Kreischa
bei Dresden waren wohl die nächsten Stationen der Säuglinge.
Waldparkstraße 6
Das letzte Haus auf der rechten Seite
der Waldparkstraße ist eine sehr geräumige zweigeschossige
Villa mit Flachdach. Wahrscheinlich erst in den 20er Jahren
erbaut. Zwischen ihr und der Frauenklinik liegen nicht viel
mehr als zwei Kilometer, aber Bomben gingen hier im Stadtteil
Blasewitz nur noch vereinzelt nieder. Vor 60 Jahren beherbergte
die Villa die kleine Privatklinik von Prof. Hermann Jensen,
zugleich Chefarzt des gesamten Johannstädter Klinikums.
Dass es Pläne für eine Evakuierung Neugeborener
in die Waldparkstraße 6 gab, kann Marina Lienert bestätigen
anhand von Unterlagen.
"Ja, hier waren die Kinder",
sagen auch die Saegers, die heute in der Villa wohnen. Doch
das haben sie nur von anderen Leuten gehört, "die
nichts Genaues wussten", wie Ute Saeger sagt. Linkes,
die Nachbarn in der Waldparkstraße 4, kennen die Geschichte
ebenfalls nur vom Hörensagen. Auch Ulrike Haßler-Schobbert
kann nicht weiterhelfen, obwohl sie 1937 auf dem anderen Nachbargrundstück
geboren wurde und sich noch daran erinnert, dass sie mit Jensens
Sohn Bücher tauschte. Die Geschichte mit der Notaufnahme
war in der Familie auch später "kein großes
Thema", was vielleicht auch daran liegt, dass die Familie
zu dieser Zeit ganz persönliche Sorgen hatte - die kleine
Ulrike lag mit schwerem Scharlach im Keller.
Dass die Waldparkstraße 6 tatsächlich
ein vorübergehendes Notquartier für Johannstädter
Babys war, kann Petra Roschinski bezeugen. Denn genau diese
Adresse war am 14. Februar ihrer Großmutter Dora Albrecht
genannt worden, als sie an der Frauenklinik nach Tochter und
Enkelin suchte. Und obwohl Dora Albrecht damals die kurze
Waldparkstraße nicht fand, schloss sie noch am gleichen
Tag ihre Enkelin in die Arme.
Gymnasium Blasewitz
Den Kellerräumen des Gymnasiums
Martin-Andersen Nexö auf der Kretschmerstraße in
Dresden-Blasewitz ist nichts Besonderes anzusehen. Kaum einer
der Schüler weiß, dass hier vor 60 Jahren höchstwahrscheinlich
Babys geboren wurden. Das jedenfalls legt die Aussage von
Günter Thielemann nahe, die der einstige Schüler
1995 schriftlich an Lehrer Wolfgang Steglich übermittelte,
der sich um die Fortschreibung der Geschichte des Blasewitzer
Gymnasiums bemüht.
Thielemann ging 1945 in die 10. Klasse.
In der Nacht zum 14. Februar war er gemeinsam mit anderen
Schülern und einem Lehrer zur Luftschutzwache eingesetzt.
Er berichtet, dass sie eine Brandbombe auf dem Dachboden löschen
konnten. Eine in der Nähe detonierte Luftmine zerstörte
die meisten Fenster und einen großen Teil des Daches
der damaligen Schillerschule. "Gegen Mitternacht",
so Thielemann, kamen die ersten evakuierten Babys und wohl
auch einige Mütter. Denn: "Entbindungen sollen in
der Nacht vor sich gegangen sein." Wie lange der Schulkeller
als Notquartier diente und wann und wie die Evakuierten nach
Kreischa kamen, hat die Geschichte zugedeckt.
Sicher ist jedoch: Petra Roschinski
wurde hier am 14. Februar von ihrer Oma Dora Albrecht gefunden.
Das rosa Geburtskärtchen am Arm und das Steckkissen mit
dem nicht gerade häufigen Norwegermuster bewiesen die
Identität. Später erzählte die Oma ihrer Enkelin,
dass die Schwestern wohl sehr froh gewesen seien über
die frühe Abholung. Sie hätten nur wenig Überlebenschancen
für die Säuglinge gesehen.
Sanatorium Kreischa
Wahrscheinlich ist schon in den sehr
frühen Morgenstunden des 14. Februar der erste Transport
mit Säuglingen in Kreischa - rund 15 Kilometer entfernt
von der Frauenklinik - eingetroffen. Die Ärztin Frau
Liebert, heute 82 und in Plauen (Vogtland) wohnend, berichtet:
"Mein Mann Heinz arbeitete damals in der Frauenklinik
und wohnte auch dort. Vor dem ersten Angriff war er bei einem
Freund in Dresden-Pillnitz. Danach ist er sofort zur Klinik
aufgebrochen, den zweiten Nachtangriff erlebte er hingepresst
auf den Elbwiesen. Dann hat er für die Babys irgendwie
einen Lastwagen organisiert, einen offenen Lastwagen, wie
er immer sagte. Und mit dem sind sie nach Kreischa gefahren,
mit Personal, das die Babys dick eingepackt hielt. Noch kurz
vor seinem Tod vor zwei Jahren haben wir wieder darüber
gesprochen."
Die Entscheidung, das Sanatorium Kreischa
zur Ersatz-Frauenklinik zu machen, muss wahrscheinlich kurzfristig
gefallen sein. "Wir waren auf die Aufnahme nicht vorbereitet.
Zuerst lagen die Frauen überall auf den Gängen.
Dann wurden alle möglichen Räume belegt, auch der
Lesesaal", heißt es in den schriftlichen Erinnerungen
der inzwischen gestorbenen Frau Kunz, die seit 1929 im Sanatorium
Kreischa arbeitete.
Dass solche Vorgänge bewahrt wurden,
ist vor allem der Kreischaer Ortschronistin Hermine Hofmann
zu danken. Zahlen über die ersten Tage und Wochen nach
dem Angriff fehlen aber auch ihr. Erster schriftlicher Beleg,
den die Ortschronistin sichern konnte, ist eine Aktennotiz
des Verwaltungsleiters vom 23. Mai 1945. Derzufolge betreute
zu diesem Zeitpunkt die Not-Frauenklinik 46 Kinder unter sechs,
zwölf über sechs Jahre sowie 76 Kranke und Wöchnerinnen.
Eine weitere Notiz belegt: Vom 14. Februar 1945 bis 30. April
1946 wurden in Kreischa 773 Kinder geboren. Dann ging die
Frauenklinik zurück nach Dresden in die ersten beiden
wieder aufgebauten Häuser.
Für manche, die unter größtem
Einsatz gerettet worden waren, endete es aber auch in Kreischa.
Archivarin Uta Kirscht hat alle Totenscheine jener Zeit analysiert.
Das Ergebnis ist schmerzlich. Bis 17. Juni 1945 starben elf
der kurz vor dem Angriff in Johannstadt geborenen Kinder.
"Die meisten Totenscheine sind ohne Namen oder nur mit
dem Namen der Mutter oder mit dem Vermerk ,Mutter vermisst'
oder ,Mutter verschüttet'", sagt Uta Kirscht. Als
Todesursache sind angegeben Lungenentzündung, Unterernährung,
Lebensschwäche, Kreislaufschwäche, Nabelsepsis.
"Einige überlebende Kinder
wurden nie abgeholt, erzählt wird von Adoptionen",
sagt Hermine Hofmann. Ob es sich um "Kinder des 13. Februar"
handelt, ist nicht belegt. Tatsächlich geschehen ist,
was die Ortschronistin erzählt: Wohl im späten Sommer
1945 wurde das Sanatoriumspersonal gefragt, ob jemand ein
elternloses Kind aufnehme. Als Einzige soll sich die Putzfrau
Lisbeth Scheermesser gemeldet und ein Mädchen zu sich
genommen haben. Doch 1946 tauchte auf der Suche nach seiner
Tochter überraschend der Vater des Mädchens auf.
Für die Mutter auf Zeit war das bestimmt ein schwerer
Schlag.
Hermine Hofmann weiß noch andere
Geschichten. Sie erzählt von der Frau K. aus Kreischa,
die am Morgen des 13. Februar Wehen bekam und mit der Straßenbahn
- die es im Lockwitztal schon lange nicht mehr gibt - nach
Dresden-Johannstadt fuhr. "Sie ist umgekommen im Bombenhagel."
Ob sie vorher noch entbunden hat, ist unbestimmt. Und sozusagen
als Gegenstück gibt es die Frau, deren Namen die Ortschronistin
nicht mehr kennt, für deren Geschichte sie sich aber
verbürgt. Jedenfalls lag diese Frau schwanger in Johannstadt,
verließ aber am Morgen des 13. Februar die Klinik und
hat alles gut überstanden.
Über vier der "Kinder des
13. Februar" - von denen drei auch in Kreischa waren
- wird die SZ in einer kleinen Serie berichten. Zu verdanken
ist das Petra Roschinski, über deren Schicksal die SZ
bereits vor zwei Jahren schrieb und die sich auf Spurensuche
gemacht hat. Zweimal schon trafen sich acht Frauen und Männer,
die zwischen 10. und 13. Februar 1945 in Dresden-Johannstadt
geboren wurden. Es meldeten sich aber auch Ältere, die
damals krank in der Kinderklinik lagen. Nicht alle Spuren
sind also verloschen. Für ihre Spurensuche hat Petra
Roschinski eine Internetseite eingerichtet:
http://ueberlebendekinderdresden.de
up
8. Januar 2005, Sächsische
Zeitung
Der Krieg vor der Haustür
von Jörg Marschner
Vor 60 Jahren: Ab morgen spürt
die
„SZ am Sonntag“ in einer neuen
Serie den letzten Kriegsmonaten in
Sachsen nach. Viele Zeitzeugen
werden zu Wort kommen.
Heute vor 60 Jahren war der Bodenkrieg
noch weit entfernt von Sachsen. Die Ostfront steht bei Warschau
und Krakau, die Westfront noch jenseits des Rheins. Erst am
16. April beginnt die große Offensive an Oder und Neiße
und damit auch der Kampf in und um Sachsen. In der großen
„Chronik des Zweiten Weltkrieges“, erweiterte
Ausgabe 2004, des ChronikVerlages kommen diese Kämpfe
nicht vor. Im Vergleich zur alles entscheidenden Schlacht
um Berlin sind sie den Autoren zu unbedeutend,um Erwähnung
zu finden.
Christian Müller aus Großröhrsdorf hat das
anders wahrgenommen. Er war damals zehn Jahre alt und lebte
mit seinen Eltern im April 1945 vier Tag an einer Hauptkampflinie.
Zweimal ging die Front über den Ort und zuletzt standen
Müllers ohne Haus da. Die Dresdnerin Charlotte Schröter
wurde wie Zehntausende am 13. Februar 1945 ausgebombt. Um
dem Grauen zu entfliehen, machte sie sich schließlich
mit ihrer Familie auf den Weg zu einer Verwandten nach Zinnwald
– eine wahre Odyssee, die sie auf acht Seiten festhielt.
Solche Erlebnisse stehen in keinem Geschichtsbuch.
Die „SZ am Sonntag“ wird ihnen ab morgen in einer
großen Serie nachspüren. Sie wird u. .a. erinnern
an die einwöchige Schlacht
um Bautzen und an die erste Begegnung von Russen und Amerikanern
an der Elbe bei Torgau, an den Selbstmord der Nazigrößen
in der Pleißeburg bei der Eroberung Leipzigs durch die
Amerikaner sowie an die Kämpfe im Osterzgebirge.
Aber auch der Alltag wird geschildert: Wie lebten die Sachsen
in den letzten Kriegsmonaten?
Gab es Hunger oder reichten die rationierten Lebensmittel
aus? Hatten Kinos und Theater den Spielbetrieb schon eingestellt?
Wie streng wurde das nächtliche Verdunkelungsgebot gehandhabt?
Oft werden in dieser Serie Zeitzeugen zu Wort kommen. Leute,
die dabei waren und die daran erinnern wollen, damit sich
ein solcher Kriegswahnsinn, wie er von Nazideutschland ausging,nicht
wiederholt. Die Serie startet morgen in der „SZ am Sonntag“
mit einem Gespräch mit dem Militärhistoriker Wolfgang
Fleischer. Sie zieht den Bogen vom Januar 1945, da die Front
teilweise noch 1 000 Kilometer von Sachsen entfernt war, bis
in die Maitage, die die einen als Befreiung,andere als Niederlage
erlebten.
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07. Januar 2005, Bild Dresden
Mein
Vater war Detektiv wußte von 200 000 Toten
60 Jahre nach der Zerstörung erinnern sich Zeitzeugen.
Heute Katharina Brünnel (69)
von Jürgen Helfricht
Dresden – Sie war das „Florenz
des Nordens“, die barocke Perle Europas. Die Metropole
der Kunst und Kultur, das Eldorado für Reisende aus aller
Welt. Bis Dresden im Inferno des 13./14. Februar 1945 unterging.
Diese Serie erinnert an das Leben im alten Dresden. Leser
öffnen ihre Alben, berichten über ihre Jugend.
Heute: Diplom-Biologin Katharina Brünnel
(69) aus Dresden-Altstadt.
„Ich wurde auf dem Bischofsweg 28 geboren. Später
zogen wir auf die vornehme Prager Straße, wo mein Vater
Walter Behrens (1902-1972) im Jahre 1938 die Dedektei DWASA
gegründet hatte. Das war die Abkürzung für
`Das wachsame Auge sieht alles´.
Mein Vater arbeitete für Arzneimittelfirmen wie Madaus
und Heyden, enttarnte dort Industriespione. Im Auftrag des
Königshauses war er diebischen Lakaien auf der Spur.
In Hannover nahm er den gefürchteten sächsischen
Räuber ´Sachsen-Paul` fest, lieferte ihn auf der
Schießgasse ab. Der schoß ihm vorher durch die
rechte Hand. Und mein Papa klärte 17 Meineids-Verbrechen
auf.
Vater war so berühmt, daß Dresdens bekanntester
Verkehrspolizist am Altmarkt, der lange Wapnick, für
ihn extra die Straße sperrte. Oft holte er mich mit
seinem dunkelblauen Rheinland-Ford von der Grundschule auf
der Sedanstraße ab. Dann beschlagnahmte die Wehrmacht
1942 das Auto.
Ab 1943 leitete Vater die Wehrmachtsleitstelle im Dresdner
Hauptbahnhof. Er wußte, wie viele Tote es beim Angriff
am 13./14. Februar wirklich gab. Er sah die Listen. Immer
sprach er von über 200 000 Toten. Weil die ganze Stadt
voll schlesischer Flüchtlinge war. Sie lagerten im Zentrum
in allen Schulen und öffentlichen Gebäuden.
Unsere Wohnung auf der Prager Straße 25 wurde zerstört.
Meine Familie überlebte. Doch meine beste Freundin Ursula
Schuhmann von der Struve, mit der ich noch am 13. Fasching
gefeiert hatte, verbrannte.“
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