| Der Mythos
als Wahrheit - der ZDF-Chef nennt's Gratwanderung
"Dresden - Der Brand" als
Fernsehfilm geplant zum 13. Februar 2005
Überraschen dürfe es niemanden,
dass uns der 13. Februar auch im nächsten Jahr weiterbeschäftigen
wird. Dass es aus Anlass des sechzigsten Jahrestages wieder ein
größeres Brimborium geben wird, erinnert sei hier an
1995, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und dass das ZDF,
welches 1995 so hübsche Mützchen an der Frauenkirche
verteilte, sich wieder beteiligt, gilt nun als gesichert. „Dresden
– Der Brand“ (Arbeitstitel) kommt als Fernsehfilm.
Noch ist fast nichts klar, aber was schon jetzt vom Fernsehspielchef
dazu geäußert wird, lässt schlimmes erwarten.
Selbstverständlich will das ZDF „Kein Entschuldungsdrama,
keine Nische, in der Aufgerechnet wird“ und es will, dass
sich der Film „historisch in jeder Hinsicht prüfen
lassen“ kann. Hehre Ziele! Aber er soll selbstverständlich
auch zeigen „was diese Bombardierung für eine Ungeheuerlichkeit
war“. An dieser Stelle fragt man sich, was war an dieser
Bombardierung so außergewöhnlich ungeheuerlich, dass
das ZDF keinen Film über Köln, Leipzig oder xy macht.
Es war natürlich „die größte, dramatischste
Bombardierung dieses Krieges“ plappert der Chef geschichtsrevisionistisch
drauflos. Auch wenn sich das Erlebnis- und BekenntnisDresdner
jedweder Couleur immer wieder gegenseitig bestätigen, jeder
halbwegs historisch gebildeter Mensch weiß, dass das Unsinn
ist. Und es geht munter weiter, schließlich will das ZDF
keine halben Sachen machen, denn überall in Deutschland sitzen
die Gebührenzahler vor der Glotze. Dresden ist die „Chiffre
für das Kriegsende und für die größte, dramatischste
Bombardierung dieses Krieges“. Konnte man bereits beim Arbeitstitel
gewisse Assoziationen zu Jörg Friedrichs „Der Brand“
vermuten, erfährt man in den Aussagen des Chefs die Bestätigung.
Es geht nicht nur um Dresden. Dresden ist „Chiffre“.
Es geht um die Bombardierung deutscher Städte an sich. Das
ist die „Ungeheuerlichkeit“, die dargestellt werden
soll. Und dafür werden die Lügen wieder aufgetischt.
„Die Bombardierung Dresdens in den letzten Tagen des Zweiten
Weltkrieges“ darf da nicht fehlen. Nun Deutschland kapitulierte
am 8. Mai, ein knappes Vierteljahr später. Der Krieg war
bereits entschieden und kurz vor seinem Ende heißt es dann
übersetzt immer in Dresden. Woher das die Alliierten im Februar
45 wissen sollten, angesichts von noch mehr als 2,5 Millionen
deutschen Soldaten außerhalb der Reichsgrenzen, bleibt im
Dunkeln. Nur die jährlich wieder zu Wort kommenden Dresdner
Zeitzeugen, die wussten es natürlich (von den BekanntnisDresdnern
ganz zu schweigen). Von der Frage warum die Deutschen dann nicht
einfach aufgehört haben wollen sie aber nichts wissen.
Vom „Anspruch an historischer Akkuratesse und fiktionaler
Inszenierung, wie er delikater nicht sein könnte“ fabuliert
Michael Hanfeld in der FAZ. Was das im ZDF bedeutet, kann sich
jeder, der auch nur eine von den zahlreichen „Dokumentationen“
eines Guido Knopp gesehen hat, vorstellen. Für Herrn Hanfeld
wird damit ein Kapitel deutscher Geschichte, „das lange
ungehoben in der Erinnerung lag“ (Tabu wir hören dich
an der Türe klopfen) endlich fürs Fernsehen in Worte
gefasst. Der Fernsehspielchef des ZDF hofft sogar, dass der Film
„etwas Heilendes entwickeln kann“. Und da ist er ganz
und gar in Dresden angekommen. Wie heißt es so schön:
„Der Wiederaufbau der Frauenkirche bringt der Stadt ihre
Seele zurück.“
Christines charismatische Kleinkinder
Frankfurter Allgemeine Zeitung
21.01.2004
Daß daraus eine feste Wahrheit strömt
Warum das ZDF gerade einen ganz besonderen Film in Auftrag gibt:
„Dresden – Der Brand“
Das ZDF hat gerade ein Drehbuch zur Entwicklung freigegeben,
dessen Ergebnis für einen wahren Höhepunkt des Fernsehjahres
2005 sorgen soll. „Dresden – Der Brand“ lautet
der Arbeitstitel des Projekts; dem Autor Stefan Kolditz ist es
aufgegeben, ein Kapitel der deutschen Geschichte des zwanzigsten
Jahrhundert für das Fernsehen in Worte zu fassen, das lange
ungehoben in der Erinnerung lag, bevor es von denen, die solche
Prozesse in der Gesellschaft befördern, nicht mehr ignoriert
werden konnte. Das Buch von Jörg Friedrich hat dazu beigetragen:
Es hat die Frage aufgeworfen, ob man von der Bombardierung Dresdens
Bilder zeigen soll, die an die Leichenberge in Auschwitz erinnern,
und er hat gezeigt, wie schwierig es einem gemacht wird, wenn
man die einen zeigen will, ohne den anderen die Bedeutung zu nehmen.
Es ist der Fernsehspielchef des ZDF, Hans Janke, der den Entschluß
befördert hat, die Bombardierung Dresdens in den letzten
Tagen des Zweiten Weltkrieges als „Chiffre für das
Kriegsende und für die größte, dramatischste Bombardierung
dieses Krieges“ fiktional zu verfilmen. Zum sechzigsten
Mal wird sich das Ereignis jähren, wenn der Film bei dem
Sender läuft, der sich besonders dem Wiederaufbau der Frauenkirche
gewidmet hat. Nico Hoffmann und Jan Mojto sind die Produzenten,
Heike Hempel, Chefin des Kleinen Fernsehspiels, betreut das Projekt.
Sie stellen sich einem Anspruch an historischer Akkuratesse und
fiktionaler Inszenierung, wie er delikater nicht sein könnte.
„Es stellen sich“, sagt Hans Janke im Gespräch,
„bei diesem Film die Fragen der Darstellbarkeit und der
Darstellung in ganz besonderem Maße.“ Man könne
den Aufwand gar nicht übertreiben und dürfe auf keinen
Fall in einem „Kostümkrieg“ enden. Weder „kulissig
noch billig“ dürfe es aussehen, müsse sich „historisch
in jeder Hinsicht prüfen lassen, zugleich aber ein Publikumsfilm
sein“. Auch die alliierte Position, die Sicht derer also,
die diese auch in ihrem militärischen Sinn umstrittene Bombardierung
vornahmen, müsse „Gestalt annehmen“. Eine Quadratur
des Kreises ist das mindestens, oder, wie Hans Janke es ausdrückt:
„Die Gratwanderung ist hier die einzige Art, sich fortzubewegen.“
Beherrschen soll das Kunststück zunächst der Autor Stefan
Kolditz, der 1956 in Kleinmachnow geboren wurde, in den achtziger
Jahren an der Humboldt-Universität Theaterwissenschaften
studierte, dort in den Neunzigern als Dozent ebenso wirkte, wie
seither an Filmhochschulen in Ludwigsburg, Hamburg und Berlin.
Als Autor hat er für eine ganze Reihe von „Tatorten“
und „Polizeiruf“-Folgen verantwortlich gezeichnet,
mehr als ein halbes Dutzend Kinofilme, bei denen namhafte Regisseure
inszenierten, kam hinzu (Nina Grosse, Andreas Dresen, Matti Geschonneck,
Andreas Kleinert, um nur einige zu nennen), der Film „Burning
Life“ gewann 1994 den Hauptpreis beim Münchner Filmfest.
In Stefan Kolditz sieht der Fernsehspielchef des ZDF „Reflexion
und erzählerische Kraft“ vereint, die es braucht, um
eine heillose Geschichte so zu erzählen, daß sie über
das Individuelle „etwas heilendes entwickeln kann“,
wie Janke sagt, ohne daß dies in Kitsch münde. „Kein
Entschuldungsdrama, keine Nische, in der aufgerechnet wird“,
schwebt dem ZDF vor, sondern ein Film, der zeigt „was diese
Bombardierung für eine Ungeheuerlichkeit war“, sagt
Janke – und damit lande man „mitnichten beim Historikerstreit“.
Es stellten sich vielmehr die Fragen, die stets mit der Darstellung
der NS-Zeit verbunden seinen; im Falle des Films „Der Untergang“
nach dem Buch von Joachim Fest, den die ARD plant, sei das nicht
anders. Ebenso nicht bei dem Film „Die Kirschenkönigin“,
der Geschichte einer jüdischen Frau im Dritten Reich, in
der Justus Pfaue das Schicksal seiner Großmutter verarbeitet.
Das ZDF zeigt den Film in diesem Jahr.
„Daß daraus eine feste Wahrheit strömt“,
das will Hans Janke am Ende all dieser Filme sehen und den Zuschauern
zeigen. Regisseur, Besetzung und Produktionsleitung von „Dresden
– Der Brand“ stehen noch nicht fest.
MICHAEL HANFELD
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