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Graphik von:
www.roter-stern-leipzig.de
Aufruf zur Demonstration und weiteren
Aktivitäten am 13. Februar 2004 in Dresden
Thank you Mr. Harris - No tears for
krauts.
Am 13. Februar findet in Dresden alljährlich
ein Ritual statt. Deutsche aller Couleur versammeln sich, um ihren
ehemaligen Kameraden und Kameradinnen, ihren Vätern und Müttern
bzw. ihren Großvätern und Großmüttern zu
gedenken, die bei den Luftangriffen am 13.02.1945 ums Leben kamen.
Würde es sich lediglich um individuelle Trauer für verstorbene
Angehörige bzw. Freunde handeln und würde der Kontext
der notwendigen Luftangriffe mitgedacht und mitgenannt werden,
wäre dagegen wohl nicht allzu viel einzuwenden. Doch mit
individueller Trauer geben sich die DresdnerInnen nicht ab und
mit dem Kontext der alliierten Luftangriffe wollen sie sich gleich
gar nicht beschäftigen. Wenn die DresdnerInnen an den 13.Februar
1945 denken, kommt das arische Blut in Wallung und ihnen Begriffe
wie „alliierter Bombenterror“ oder „Luftgangster
Arthur T. Harris“ in den Sinn. Jährlich wird zum Jahrestag
der Bombardierungen ein Stück weiter am nationalen Mythos
gestrickt, nachdem die alliierten Streitkräfte angeblich
„unnötige Verbrechen“ begangen hätten. Am
13. Februar geht es den DresdnerInnen – und mit ihnen den
meisten Deutschen – nicht um individuelle Trauer, sondern
einzig und allein um eine kollektive Opferidentität. Sie
verwenden die Bombardierung Dresdens als Symbol für alliierte
„Schuld“ und setzen damit die Befreier in Bezug zu
den singulären Verbrechen der deutschen NationalsozialistInnen,
die bis dato nicht nur einen Vernichtungskrieg angezettelt hatten,
an dessen Ende über 50 Millionen Tote standen, sondern auch
das gesamte europäische Judentum vernichten wollten. Über
6 Millionen Jüdinnen und Juden fielen dem antisemitischen
Wahn der Deutschen binnen kürzester Zeit zum Opfer.
Doch die DresdnerInnen denken am 13. Februar weder an die Opfer
der Shoa noch an den Segen der Befreiung vom deutschen Faschismus,
sondern sie empfinden – und hier gelang vielen Städten
über das Buch von Jörg Friedrich der Anschluss an den
Dresdner und Hamburger Mythos – die alliierten Bombardierungen
während des 2. Weltkrieges als „größte Katastrophe
der Stadtgeschichte“ (so u.a. in dem Buch „Leipzig
brennt“, welches sich mit den Bombardierungen Leipzigs beschäftigt).
Um die singuläre deutschen Schuld zu relativieren, werden
zum einen die Opferzahlen der Bombardierungen deutscher Städte
überhöht (teilweise tauchen in Bezug auf Dresden Opferzahlen
auf, wonach sich fast mehr Tote nach der Bombardierung als Einwohner
vorher halluziniert werden) und zum anderen darf kein Wort über
die Gründe der Luftangriffe auf deutsche Städte durch
die alliierte Streitkräfte verloren werden. Damit wären
die Deutschen nämlich unweigerlich vor die Frage gestellt,
ob sie ernsthaft geglaubt hatten, dass sie 6 Millionen Juden und
Jüdinnen ermorden und im Osten einen barbarischen Vernichtungskrieg
führen können, ohne dass sie mit Konsequenzen zu rechnen
haben. Die alliierten Bomber haben den DresdnerInnen am 13. Februar
1945 die banale Konsequenz vor Augen geführt, dass der „totale
Krieg“ (Goebbels) der Deutschen eine Antwort der Angegriffenen
zur Folge hat. Warum hat das heute so verdammte „moral bombing“
nur bei den Deutschen keine Wirkung gezeigt? Warum haben die Deutschen
„bis zum letzten Blutstropfen“ gekämpft, obwohl
der Ausgang des Krieges schon lange vor dem 13.02.1945 besiegelt
war?
Weil sie fanatische Träger der nationalsozialistischen Ideologie
waren und in dem Vernichtungs- und Rassenkrieg „rationale
Argumente“ hinter dem ideologischen Eifer zurückstehen
mussten, schließlich ging es den Deutschen um nicht weniger
als die „Befreiung der Welt vom Judentum und vom Bolschewismus“.
Dass dem Mord an den Juden, „Zigeunern“, Kommunisten
und den anderen Opfern des Rassenkrieges unter anderem durch die
Bomberangriffe auf deutsche Städte ein Ende gemacht wurde,
ist für uns ein Segen. Auch, weil es einigen wenigen Opfern
des antisemitischen Vernichtungswahns das Leben gerettet hat (gerade
in Dresden sollte bekannt sein, dass z.B. Victor Klemperer durch
das Zusammenbrechen der nationalsozialistischen Infrastruktur
infolge der Angriffe vom 13.02.1945 überleben konnte). Aber
vor allem, weil dadurch die schnellstmögliche Beendigung
des Krieges erreicht werden konnte. Wir finden es zynisch, wenn
den alliierten Streitkräften vorgeworfen wird, dass sie sich
nicht auf den Schlachtfeldern aufgerieben haben, sondern stattdessen
mit Mitteln reagiert haben, die die Deutschen schon vor dem 2.
Weltkrieg angewendet haben (Guernica). Kein Pilot wäre das
persönliche (und nicht geringe) Risiko eingegangen, über
Feindesland abgeschossen zu werden, wenn die Deutschen nicht unbedingt
bis zum letzten Mann hätten kämpfen wollen.
Für die Deutschen dagegen ist die Bombardierung deutscher
Städte das so ziemlich schlimmste, was in einem Krieg, in
dem immerhin über 50 Millionen Menschen starben, passieren
konnte. Wo ist dann allerdings die alljährliche Empörung
über die Bombardierung von Guernica, Warschau, Rotterdam
und Coventry? Oder über die Bombardierung Serbiens vor nicht
einmal fünf Jahren, als die deutsche Luftwaffe ihren ersten
Kampfeinsatz nach dem 2. Weltkrieg ausgerechnet gegen ein Land
flog, dass bereits im 2. Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht
überfallen wurde?
Es ist also keine Unterstellung, hier andere Interessen als die
reale Anteilnahme an dem Schicksal der betroffenen Opfer dieser
Bombennacht zu vermuten. Vielmehr steht die Diskussion um den
Bombenkrieg in einem Kontext deutscher Identitätsbildung,
die der nicht mehr zu leugnenden deutschen Schuld eine Erfahrung
deutschen Leids zur Seite stellen will und damit die Unvereinbarkeit
der unterschiedlichen Erinnerungen der TäterInnen und der
Opfer des deutschen Faschismus negiert.
Übrig bleiben soll eine – am besten deutsch-europäische
– Geschichtserfahrung, die von einem Jahrhundert der Grausamkeiten
ausgeht und damit die Singularität der deutschen Verbrechen
relativiert. So ist es kein Zufall, dass die Debatte um den alliierten
Bombenkrieg zusammenfällt mit den revanchistischen Forderungen
der Vertriebenenverbände, die ein Zentrum gegen Vertreibung
in Berlin errichten wollen und die das politische und wirtschaftliche
Gewicht Deutschlands innerhalb der EU zur Erpressung der Opfer
des deutschen Überfalls auf Polen und der Annexion der Tschechoslowakei
einsetzen wollen, um eine Verurteilung der Benes- und Beirut-Dekrete
zu erreichen, als wären nicht die Henlein-Nazis durch ihren
Terror selbst für ihre Ausweisung verantwortlich.
Die Bombardierung Dresdens (und Hamburgs) war für den deutschen
Opfermythos schon immer von besonderer Bedeutung. Während
die anderen Städte erst jetzt – nachdem die Sieger,
denen man als sie noch vor der Tür standen 40 Jahre Läuterung
geheuchelt hat, aus den Städten abgezogen sind – in
größerem Stil ihre eigenen Bombardierungen auswälzen
und anprangern, gab es die Gedenkveranstaltungen für Dresden
schon ab 1946. Zu Zeiten des Kalten Krieges wurden diese vornehmlich
gegen die Westalliierten instrumentalisiert. Seit der Wiederbelebung
der Veranstaltungen durch die DDR-Opposition 1982 und vor allem
seit der Wiedervereinigung 1989 erlebten diese jedoch eine neue
Qualität. Galt die Teilung Deutschland auch als sichtbares
Symbol der deutschen Schuld, wurde das deutsche Selbstbewusstsein
durch den Fall der Berliner Mauer beflügelt. Die „Berliner
Republik“ hat zwischenzeitlich mit ihrer Vergangenheit aufgeräumt.
Nach der kathartischen Wirkung der Wehrmachtsausstellung –
welche zuerst die Verbrechen der „normalen“ deutschen
Wehrmachtsangehörigen thematisierte, um sie danach in allgemeine
Grausamkeiten, die der Krieg so mit sich bringt, einzuebnen –
wurden den ehemaligen Zwangsarbeitern bzw. deren Nachkommen ein
Handgeld in selbige gedrückt. Nebenbei absolvierte die Bundeswehr
ihren ersten Kampfeinsatz nach der deutschen Niederlage 1945,
wobei aus dem „Nie mehr Krieg“ ein „Nie mehr
Krieg ohne unsere Interessen“ wurde.
Der Leipziger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee schreibt
im Geleit zum Buch „Leipzig brennt“, dass „wer
die Haltung der Deutschen zum Irakkrieg verstehen will, …
auch um ihre Erfahrungen im Bombenkrieg und mehr noch in den zerstörten
Städten der Nachkriegszeit wissen [muss]“, ohne dabei
die Bombardierung Serbiens 1999 durch deutsche Kampfflieger auch
nur zu erwähnen. Galt es damals angebliche, in Wirklichkeit
jedoch nie vorhandene „KZs im Kosovo“ zu verhindern,
sollte nun im Irak – nur weil die USA entgegen deutscher
Wirtschaftsinteressen im nahen Osten einen grausamen Despoten
entmachten wollten – die deutsch-europäische Leiderfahrung
lehren, dass Krieg generell nur die äußerste Ultima
Ratio sein dürfe, nur um ein paar Monate später selbst
wieder Kampftruppen in den nächsten Einsatz nach Kongo zu
schicken.
Hinter dieser selektiven Wahrnehmung wird der kollektive Wunsch
nach „Normalisierung“ nur allzu deutlich. Die Deutschen
wollen sich als Opfergemeinschaft und als geläuterte deutsche
Nation fühlen können, ohne dabei noch von der eigenen
singulären Schuld sprechen zu müssen.
Thank you Mr. Harris - No tears for krauts.
BgR Leipzig
www.nadir.org/bgr
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