| Sonntag, 1. Februar
04
Freytag, ein Regisseur wie jeder andere?
Rezension der Vorab-Aufführung
von Teilen des Stückes "Die Ermittlung" von Peter
Weiss in Dresdner Neuinszenierung zum 13. Februar 2004
Der Mut des Schauspielhauses, der Trauer der Dresdendeutschen
am 13. nicht noch 'n Rosinenstollen in den Arsch zu schieben,
und ihnen ein Stück zu liefern, dessen Akteurskreis ein weiterer
ist, als der einer urdeutschen Zivilbevölkerung, hält
sich also in Grenzen. Regisseur und Intendant Holk Freytag und
Kreuzlkantor Kreile stehen sich im universalisierenden Geseier
über Ohnmacht, Trauer, Versöhnung, Läuterung in
nichts nach. Mit dem Gedanken der Versöhnung im Rücken
schliesst das Kreuz Verständnislücken.
Ein Wunder ist die Intention der beiden nicht - die traditionellen
Gedenkveranstaltungen in der Kreuzkirche gaben ja nach dem pazifistischen
Startschuss der Gruppe Wolfspelz die zweite Initialzündung
für die Wiederbelebung des Frauenkirchenkerzenrituals.
Das Stück in diesem Jahr: Peter Weiss’ „Die
Ermittlung“, geschrieben kurz nach und über den Auschwitz-Prozess
in Frankfurt/M. 1965. Um Peter Weiss zu erläutern - manche
kennen seine „Ästhetik des Widerstands“-, profilierte
ihn das Ensemble in der heutigen Matinee im Haus der Jüdischen
Gemeinde im Gelände der Neuen Synagoge über einen Essayband,
in dem 20 Autorinnen „ihren Ort“ beschreiben sollten.
Peter Weiss wählte Auschwitz, dem er durch Flucht nach Schweden
nur knapp entkommen war.
Was also sagen in Dresden 11 Gesänge, Dialoge aus dem Auschwitz-Prozess,
in denen Bahnwärter und KZ-Adjudant ihr Wissen mit einem
räumlichen „Aussen-vor“ behaupten können,
wenn auch mit dem ein oder anderen zarten Haareraufen. Belässt
Peter Weiss im Stück die Charaktere ohne Urteil, so erklärt
Holk Freytag seine Sicht auf die Shoah per Gleichsetzung mit Stalin
und Polpott, als Beweis für das globalisierte Böse:
"Bewusst wird die Bindung an singuläre Katastrophen
überschritten, wird der Blick auf das fortwährende menschheitsbegleitende
Grauen erweitert."..
Es wird sich „solidarisch“ erklärt mit der „anderen
Opfergruppe“, die Hand gereicht bis zum Kotzen. Egal, ob
die abgelehnt oder „eingeschlagen“ wird - die Aneignung
der jüdischen Opfer wird zwangsvollstreckt. Erinnert an OB
Rossberg, dem zum 9. November im vergangenen Jahr, beim Gedenken
an der Synagoge nix besseres einfiel als „Dresdens Bürgerinnen“
darum zu bitten, „die jüdischen Mitbürgerinnen
doch endlich als gleichberechtigt aufzunehmen“. Dann ist
das wohl der Schritt: nur wer richtig Opfer ist, kann deutsch
sein. Und wirklich Opfer ist nur, wer sich als das am 13. betrauern
darf.
Zum Kantor: sein Motto ist Versöhnung durch Musik, denn
bis auf Gottes Wort scheint jedes andere ein unzureichendes. In
dieser Sprache ohne Dialekte liegt für ihn der Verständigungsmoment.
Und da die Idee der grossen Vereinigung die einzig wahre gen Erlösung
( „Auf Erden gibt’s eine Hölle, das weiss ich“)
zu sein scheint, passt kein Müh politischer Diskurs mehr
rein. Die Zeit drängt, denn "Die Schrecken von Gewalt,
Zerstörung und Terror gemahnen unmittelbar an Apokalypse."
Ein vorerst letztes Zitat: "...eher scheint „Umhüllung“
eine geeignete Metapher zu sein."
- mit lieben Grüssen, Ihr Volk Freytag
Öffentliche Proben in der Kreuzkirche:
Ensemble des Schauspielhauses und Kreuzchorknaben: täglich
von 10 bis 13 Uhr
"Die Ermittlung" von Peter Weiss
Bereits am 8. Februar 04 findet das traditionelle
Gedenkkonzert des Dresdner Kreuzchores in der Kreuzkirche statt.
Gleichzeitig findet bei dieser Veranstaltung die erste Premiere
des Theaterstücks "Die Ermittlung" statt. Es ist
eine Inszenierung des Staatsschauspiels. (Die Premiere im Schauspielhaus
ist dann am 13. Februar.)
Das Theaterstück von Peter Weiss, entstanden
nach dem als Auschwitzprozess bekannt gewordenen Strafverfahren
in Frankfurt/M in den 60er Jahren, ist gestützt auf Gedächtnisprotokolle,
Prozessberichte der Presse und dokumentarischer Literatur.
Der Regisseur, Holk Freytag (Intendant
des Staatsschauspiels) äußerte sich am 17. 12. 2003
im Radiointerview bei "mdr Kultur" dazu sinngemäß:
"Es ist ein Fehler der Geschichte, dass es bisher keine Sühne
für Auschwitz gibt. Warum ist die Atombombe nicht auf Berlin
gefallen, nicht dass ich mir das gewünscht hätte, mich
würde es dann heute nicht geben. Die Doppelpremiere im Zusammenhang
mit dem 13. Februar soll zum Nachdenken anregen. Es waren zwar
die Amerikaner und Briten, die Dresden zerstört haben, aber
Dresden als Rache für Auschwitz - so einfach ist die Geschichte
nicht. Es geht schon darum zu sagen, hätte es Auschwitz nicht
gegeben, wäre Dresden nicht so zerstört worden. Wir
tragen an der Zerstörung eine gehörige Mitschuld."
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