Ein hübscher Artikel in der
aktuellen "Zeit" in Form eines Berichtes über die
Bombardierung Dresdens. Zum Thema hat er allerdings die erste Bombardierung
durch die Deutschen am 01. September 1939. Darf bitte nicht als
Aufrechnung verstanden werden!
DIE ZEIT 07/2003, Rubrik: "Zeitläufte"
Ziel vernichtet
Mitte Februar 1945 verwandelten alliierte
Bomber Dresden in ein Flammenmeer; Zehntausende Menschen starben
Über diesen Höhepunkt des Luftkriegs gegen Nazideutschland
ist in unzähligen Büchern und Filmen berichtet worden
Gänzlich unbekannt hingegen blieb hierzulande jener Angriff,
mit dem der deutsche totale Bombenterror gegen Europas Städte
im Zweiten Weltkrieg begann: die Auslöschung des militärisch
völlig bedeutungslosen, unbefestigten Städtchens Wielun
durch die Bomber der deutschen Luftwaffe am Morgen des alllerersten
Kriegstages
Wielun, 1. September 1939: Die Zerstörung
des polnischen Städtchens durch die deutsche Luftwaffe
Von Joachim Trenkner
Am Abend des 31. August 1939 ist Warschau
komplett verdunkelt. In vielen Wohnungen sind zudem einzelne Zimmer
sorgfältig abgedichtet, denn Gas fürchten die Warschauer
am meisten. An diesem Abend, schreibt der Pianist
Wladyslaw Szpilman in seinen Lebenserinnerungen, die unlängst
von Roman Polanski so eindrucksvoll verfilmt wurden, waren
sich alle sicher, daß der Krieg gegen die Deutschen unvermeidbar
war. Nur die unverbesserlichen Optimisten gaben sich noch der
Täuschung hin, Hitler ließe sich im letzten Augenblick
von der entschlossenen Haltung Polens abschrecken.
In Berlin hingegen leuchten noch die Fenster.
Doch über der 4,3-Millionen-Stadt liegt eine depressive Stimmung.
Jeder, den ich sprach, notiert der Korrespondent des
amerikanischen Radiosenders CBS, William Shirer, in seinem Berliner
Tagebuch, war gegen den Krieg
Wie kann ein Land Krieg
führen, wenn die Bevölkerung so dagegen ist? Viele beschwerten
sich auch darüber, dass sie nicht informiert werden. Ein
Deutscher sagte zu mir: ,Wir wissen nichts. Warum sagt man uns
nicht, was los ist? Sogar der Sicherheitsdienst der
SS signalisiert in seinen geheimen Lageberichten an die Reichskanzlei
mangelnde Kriegsbereitschaft.
Im Amtssitz des Führers,
in der neuen, pompösen Reichskanzlei, spielen solche Dossiers
keine Rolle. Am 31. August 1939 hat Adolf Hitler, wie von den
willigen Vollstreckern der Wehrmacht schon lange erwartet, den
Einmarschbefehl nach Polen gegeben. Als letzter Vorwand war von
der SS kurz zuvor ein polnischer Überfall auf
den deutschen Sender Gleiwitz nahe der deutsch-polnischen Grenze
inszeniert worden.
Dann, in aller Herrgottsfrühe des 1.
September, erlebt Wladyslaw Szpilman in Warschau, was er seit
Wochen befürchtet hat. Explosionsgetöse riß
mich aus dem Schlaf, es war schon hell geworden. Ich schaute auf
die Uhr: gleich sechs. Krieg
er hat angefangen. Die
ersten deutschen Bomben sind auf die polnische Hauptstadt gefallen.
Die Berliner erfahren an diesem wolkenverhangenen
ersten Septembermorgen die Nachricht vom Ausbruch des Krieges
erst spät. Die Menschen in den Straßen wirkten
apathisch, als ich für meine Frühsendung zum Rundfunkhaus
fuhr, schreibt Korrespondent Shirer. Gegenüber
dem Hotel Adlon arbeitete die Frühschicht am neuen IG-Farben-Gebäude,
so als sei nichts geschehen. Entlang der Ost-West-Achse hatte
die Luftwaffe fünf schwere Flak-Geschütze in Stellung
gebracht, um Hitler im Reichstag zu beschützen.
Hitlers Rede vor dem gleichgeschalteten
Parlament in der Kroll-Oper wird von 10 Uhr an vom Rundfunk übertragen:
Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen. Seither
wird Bombe mit Bombe vergolten. Wer mit Gift kämpft, wird
Giftgas bekommen. Hitler hatte sich um eine Stunde geirrt:
Der erste Schuss war schon um 4.47 Uhr gefallen, vom deutschen
Schulschiff Schleswig-Holstein aus, das die kleine Festung Westerplatte
im Danziger Hafen unter Feuer nahm.
General von Richthofen war schon in Guernica
dabei
So begann vor fast 64 Jahren der Zweite
Weltkrieg. So steht es in den Geschichtsbüchern, in den deutschen
und in den polnischen. Tatsächlich aber begann der Überfall
Nazideutschlands auf Polen zugleich an einem weiteren polnischen
Ort noch brutaler, als die Schulbücher es erzählen.
Und es war nicht die Marine, es war die deutsche Luftwaffe, die
hier all jene Schrecken entfesselte, die in den kommenden Jahren
ganz Europa heimsuchen sollten.
Die Luftwaffe: Sie ist der besondere Stolz
des Regimes. Für den Überfall auf Polen bestens gerüstet,
gilt sie als die stärkste der Welt. Im September 39 verfügt
sie über mehr als 4000 Frontflugzeuge, die in vier Luftflotten
aufgeteilt sind. Laut Quellen aus dem Stab des Generals der Flieger
Albert Kesselring wird Polen mit einer Luftstreitmacht von rund
2000 Flugzeugen angegriffen. Das ist etwa die Hälfte aller
zur Verfügung stehenden Maschinen. Die Verbindung von Sturzkampfbombern
(Stukas) und Panzern bietet die Voraussetzung für tiefe und
schnelle Frontdurchbrüche und entwickelt sich rasch zum gefährlichsten
Mittel des so genannten Blitzkriegs; insgesamt wird die Luftwaffe
9000 Bombeneinsätze gegen Polen fliegen.
Am 31. August jedenfalls ist alles bereit.
Im Gefechtsquartier der 4. Luftflotte in Schloss Schönwald
östlich der schlesischen Kreisstadt Rosenberg herrscht besonders
angespannte Hektik. Denn hier hatte der Fliegerführer zur
besonderen Verfügung, Generalmajor Wolfram Freiherr von Richthofen,
schon vor fünf Tagen von seinem Chef, dem Oberbefehlshaber
der Luftwaffe, Hermann Göring, einen Einsatzbefehl erhalten.
Ostmarkflug 26. August, 4.30 Uhr, hatte der Funkspruch
aus Berlin gelautet, der einige Stunden später widerrufen
worden war. Jetzt, in der Nacht zum 1. September, soll der Angriff
auf Polen definitiv erfolgen.
Richthofen, der es 1943 noch zum Generalfeldmarschall
bringen sollte und wenige Wochen nach dem Krieg in Bad Ischl einer
Krebskrankheit erlag, hatte sich schon im Spanischen Bürgerkrieg
als Befehlshaber der berüchtigten Legion Condor hervorgetan.
Nach der Bombardierung des baskischen Städtchens Guernica
1937 notierte er in sein Kriegstagebuch: Guernica, Stadt
von 5000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht,
Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.
Nun sieht Richthofen die Chance, sein Zerstörungswerk
fortzusetzen. Der Fliegerführer bestellt die Kommandanten
seines Stuka-Geschwaders 76 sowie des Geschwaders 2 Immelmann
zum Befehlsempfang ein. Als Angriffsziel nennt er ihnen den Namen
eines polnischen Städtchens, 100 Kilometer östlich von
Breslau gelegen, nicht weit hinter der Grenze: Wielun.
Ziel ist es, den Ort zu vernichten. Dabei
soll vor allem ein gerade weiter entwickelter Flugzeugtyp getestet
werden, der Sturzkampfbomber JU 87 B. Die Stukas sind von der
Dessauer Flugzeugfabrik Junkers eigens für den Polenkrieg
mit einem doppelt so starken Motor wie das bisherige Modell ausgerüstet
worden. Mit 1150 PS Motorleistung können sich die neuen Maschinen
bei über 300 Kilometer pro Stunde und einer Bombenlast von
500 Kilo pro Einsatz aus großer Höhe auf ihre Ziele
stürzen.
Das Krankenhaus wird gleich bei der ersten
Welle getroffen
Wielun liegt im Abseits. In seiner 800-jährigen
Geschichte ist es nie zu besonderer Bedeutung gelangt, ein Marktflecken,
der von der Landwirtschaft lebt. Nur die Herrschaft hatte von
Zeit zu Zeit gewechselt: 1793 preußisch, 1807 von Napoleons
Gnaden wieder polnisch, nach dem Wiener Kongress bis zur Neugründung
des polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg russisch.
16000 Einwohner zählt das Städtchen,
die meisten sind Bauern und kleine Kaufleute. Am 31.August 1939
hat es zwar einen Fliegeralarm gegeben, doch dann heißt
es, das sei nur Probe gewesen, niemand müsse sich sorgen.
Warum sollen die Deutschen auch ausgerechnet Wielun angreifen?
Hier gibt es keinen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt und, bis auf
die kleine Zuckerfabrik am Rande der Stadt, auch keine Industrie.
Das Militär ist längst abgezogen; ein Kavallerie-Regiment
wurde bereits im Frühsommer zur Grenzverteidigung an die
Warthe verlegt. Die Stadt ist unbefestigt, wehrlos, ohne Flak
und ohne Bunker.
Auf dem Militärflughafen von Nieder-Ellguth
am Steinberg nordöstlich von Oppeln bereitet man indes den
Einsatz vor. Zwar behindert in der Nacht leichter Bodennebel die
Sicht, doch für Hauptmann Walter Sigel ist das kein Grund,
sich lange aufhalten zu lassen. Er hat als Erster den Einsatzbefehl
gegen Wielun erhalten.
Laut späterer Einsatzmeldung starten
die 29 Stukas des Geschwaders 76 unter seinem Kommando um zwei
Minuten nach 5 Uhr in Richtung polnische Grenze. Tatsächlich
aber kann es erst 4.02 Uhr gewesen sein; denn alle Überlebenden
berichten, die ersten Flugzeuge seien zwischen 4 und 5 Uhr über
Wielun aufgetaucht also just zu jener Zeit, als auch auf
der Schleswig-Holstein in Danzig die Vorbereitungen für den
Angriff laufen. Warum die Einsatzmeldung den Beginn des Unternehmens
um eine Stunde verschiebt, bleibt rätselhaft: War es ein
Versehen? War es eine taktische Manipulation?
Der Flug dauert kaum 20 Minuten. Der Kampfauftrag
lautet: Vernichtung des westlichen Teils von Wielun. Gegen 4.35
Uhr stürzen sich Sigels Stukas mit dem infernalischen Sirenengeheul
der so genannten Jericho-Trompeten auf die schlafende Stadt. Die
ersten Bomben fallen um 4.40 Uhr. Insgesamt werfen Sigels Flugzeuge
bei diesem ersten Einsatz 29500-Kilo-Sprengbomben und 112 50-Kilo-Bomben
ab. Ziel vernichtet, Brände beobachtet, vermerkt
der Hauptmann in seinem Einsatzbericht, nachdem er ohne Verluste
kurz nach 5 Uhr wieder auf der Asphalt-Rollbahn in Nieder-Ellguth
gelandet ist. Und unter der Rubrik Feststellung und Beobachtung
zur Lage am Ziel, auf An- und Rückmarsch notiert er: Keine
besondere Feindbeobachtung.
Der Bombenhagel bringt Tod und Zerstörung.
Die ersten Bomben haben das Allerheiligen-Hospital getroffen,
obwohl das Krankenhaus auf dem Dach mit einem roten Kreuz gekennzeichnet
ist. Ich war sehr früh zu Bett gegangen und bin dann
sehr früh am anderen Morgen vom Dröhnen der Flugzeuge
wach geworden, berichtet später der Arzt Zygmunt Patryn.
Plötzlich gab es eine Explosion auf dem Krankenhausgelände.
Fensterscheiben klirrten und fielen auf mein Bett. Ich sprang
auf, griff meine Kleidung und rannte ins Freie. In diesem Moment
stürzte das Haus hinter mir zusammen. Überall lagen
Trümmer und unter den Trümmern hörten wir Stöhnen.
Dreimal bombardierten die Flugzeuge das Krankenhaus. Eine Bombe
riss im Garten einen so gewaltigen Krater, dass ein halbes Haus
hineingepasst hätte. Zwei Ordensschwestern, 4 Krankenschwestern
und 26 Patienten sind bei dem Angriff getötet worden.
Kurz darauf greift die Luftwaffe zum zweiten
Mal an, diesmal soll der östliche Teil der Stadt zerstört
werden. Der dritte und letzte Einsatz, bei dem wieder 29 Maschinen
über die Stadt fliegen, wird von Major Oskar Dinort vom Stuka-Geschwader2
Immelmann befehligt. Aus über 2000 Meter Höhe stürzt
sich die gesamte Staffel steil auf das Ziel. Erst nachdem sie
auf 800 Meter gefallen sind, lösen sie die Bomben aus. Die
schwerste wirft Dinort selbst. Direkt auf den Marktplatz!,
jubelt er später in einer NS-Publikation mit dem Titel Die
Höllenvögel.
Die Menschen in Wielun können noch
gar nicht begreifen, was mit ihnen geschieht. Der Mechaniker Józef
Musia¬ ist acht Jahre alt, als die Bomben fallen. Mit seiner
Schwester hat er das Bombardement vom Stadtrand aus beobachtet:
Es waren große graue Flugzeuge mit schwarzen Kreuzen
Viele Menschen rannten aus der Stadt. Nach dem Angriff sind wir
ins Zentrum gegangen, um zu sehen, was dort passiert ist. Es war
sehr zerstört
Überall lagen Leichen und abgerissene
Körperteile: Arme, Beine. Ein Kopf.
Die grausame Bilanz: Insgesamt 380 Bomben
mit einer Sprengkraft von zusammen 46000 Kilogramm, die in drei
Angriffswellen von jeweils 29 Stukas des Typs JU 87 B abgeworfen
wurden, töteten 1200 Menschen. Die Stadt ist zu 70 Prozent
zerstört, der enge Stadtkern durch Brände sogar zu 90
Prozent.
Warum ausgerechnet Wielun? Warum wurde dieses
Provinzstädtchen dem Erdboden gleichgemacht, noch bevor der
Krieg richtig begonnen hatte? Es gab später, nach 1945, Versuche,
die Tat zu rechtfertigen. So schildert zum Beispiel Cajus Bekker
1964 in seinem Buch Angriffshöhe 4000 das Bombardement Wieluns
im Stil der NS-Propaganda: Da sieht der Gruppenkommandeur
nur noch sein Ziel. Es wächst, wird rasend schnell größer.
Plötzlich ist es kein anonymer Wurm mehr, der über eine
tote Landkarte kriecht. Jetzt sind es Fahrzeuge, Menschen und
Pferde. Polnische Reiter. Stukas gegen Kavallerie. Natürlich
wäre es ausschließlich um militärische Ziele gegangen.
Nur: Es gab keine Soldaten mehr in Wielun,
und die Piloten wussten das. Schließlich war es der Gruppenkommandeur
des Stuka-Geschwaders76, Hauptmann Sigel, selbst gewesen, der
in seiner Einsatzmeldung zu Protokoll gegeben hatte: Keine
besondere Feindbeobachtung.
In Wielun ging es um anderes. Für Fliegergeneral
Wolfram von Richthofen war es, wie gesagt, ein willkommener Anlass,
die modernisierten Stukas JU 87 B zu testen. Und Stuka-Kommandeur
Walter Sigel erschien es als die beste Gelegenheit, eine Scharte
auszuwetzen. Sigels Geschwader war nämlich zwei Wochen zuvor,
am 15. August 1939, in Anwesenheit hoher Luftwaffengenerale auf
dem Fliegerhorst Cottbus angetreten, um die neuen Maschinen auf
dem Truppenübungsplatz Neuhammer in der Saganer Heide vorzuführen.
Der Befehl: geschlossener Sturzkampfangriff, Abwurfmunition Zementbomben
mit Rauchsatz. Durch eine falsche Wetterprognose und Bodennebel
war es jedoch zur Katastrophe gekommen: 13 Stukas stürzten
ab, 26 junge Piloten kamen ums Leben. Sigel hatte seine Maschine
in letzter Minute nach oben ziehen können und überlebte.
Ein rasch einberufenes Kriegsgericht sprach den Geschwaderchef
frei; kurz vor Kriegsbeginn brauchte man jeden erfahrenen Flieger.
So wurde der Einsatz gegen Wielun für Sigel und seine Männer
auch zu einer Bewährungsprobe.
Auch in Dresden feiert Goebbels Film
Feuertaufe den Polenkrieg
Das Massaker lag erst wenige Stunden zurück,
da übermittelte das Auswärtige Amt in Berlin der noch
nicht geschlossenen polnischen Botschaft eine diplomatische Note
mit besonders zynischem Inhalt: Die deutschen Luftstreitkräfte
haben den Befehl erhalten, sich bei ihren Kampfhandlungen in Polen
auf militärische Ziele zu beschränken
Auf
eine Lüge mehr oder weniger kam es dem Regime nun auch nicht
mehr an. Görings Luftwaffe machte von Kriegsbeginn an keinen
Unterschied zwischen militärischen und zivilen Zielen. Wielun
war der schreckliche Auftakt, die Zerstörung Warschaus sollte
folgen.
Die ersten Bomben fallen am 1. September
noch auf militärische Einrichtungen. Am 9. September folgt
die Attacke gegen das Zentrum der polnischen Hauptstadt. Wie vorher
in Wielun greifen wieder Stuka-Geschwader an. Warschau, bald von
deutschen Truppen eingeschlossen, leistet Widerstand. Doch längst
sind die Vorbereitungen für den Großangriff vorbereitet,
Code-Wort: Wasserkante das erste Flächenbombardement
einer Großstadt in der Geschichte des Luftkriegs. Drei Tage
lang wird Warschau gnadenlos attackiert, der schwerste Angriff
auf die Innenstadt erfolgt am 25. September, die letzte Bombe
fällt am frühen Nachmittag des 27.Septembers. Danach
kapituliert die Stadt.
Während des dreitägigen Bombardements
warf die Luftwaffe 560 Tonnen Sprengstoff und 72 Tonnen Brandbomben
ab. Über 400 Flugzeuge flogen knapp 1200 Einsätze, Stukas
und Bomber vom Typ DO 17. Da die schnellen Stukas keine Brandbomben
abwerfen konnten, wurden zusätzlich langsame Transportmaschinen
vom Typ JU 52 eingesetzt. Vor allem die neu entwickelte Bombe
B 1 Fe erzielte, auf Wohnblocks abgeworfen, eine verheerende Wirkung.
Die Brandwolke über der Millionenstadt soll in diesen Tagen
auf drei Kilometer Höhe gestiegen sein, bevor sie entlang
der Weichsel gen Norden zog. Nach den ersten schweren Luftangriffen
hatte Warschau 10000 Tote zu beklagen, insgesamt wurden in wenigen
Tagen 20000 Menschen durch Bomben und Artilleriebeschuss getötet
und 50000 verletzt.
Nach der Besetzung Polens ließ Joseph
Goebbels einen Film über die gewaltigen Leistungen
der Luftwaffe mit dem Titel Feuertaufe drehen. In Dresden
und Hamburg, in Berlin und Kassel und vielen anderen deutschen
Städten fand im April 1940 unter heftigem Werberummel die
Uraufführung statt. Tiefste und nachhaltige Wirkung
übten auf alle Teilnehmer die Bilder des zerstörten
Warschau aus, heißt es dazu in den geheimen Lageberichten
des Sicherheitsdienstes der SS. Die gezeigten Filmaufnahmen müssen
von größter Brutalität gewesen sein, da vor
allem von Frauen Stimmen des Mitleids mit den Polen geäußert
wurden und angesichts des zerstörten Warschau bei diesen
Zuschauern keine heroisch stolze, sondern eine bedrückende,
verängstigte Stimmung über die ,Schrecken des Krieges
entstanden. Wohl deshalb wurde der Film nur kurze Zeit in
den Kinos gespielt.
Als am 2. September 1939 die deutsche Infanterie
in Wielun einrückt (unter den Offizieren ist auch Claus Graf
Stauffenberg), findet sie das zerstörte Städtchen fast
leer vor. Die meisten Bewohner sind in die Wälder geflohen.
Niemand hat die Leichen weggeräumt, Seuchengefahr droht.
Nur allmählich kommen die Menschen zurück in ihre Trümmerheimat,
in der nun der deutsche Terror regiert. Nichts als Brutalität
gab es hier, berichtet ein Zeitzeuge, der vor dem Krieg
in der Zuckerfabrik tätig gewesen war, so hielt man
das Volk im Zaum. Ich müßte lügen, wenn ich über
diese Deutschen von damals etwas Positives sagen würde. Jeder
vor uns zitterte vor Angst und bangte um sein Leben. Jeder hatte
Angst, als Zwangsarbeiter nach Deutschland abtransportiert zu
werden.
Im deutschen Welun soll nichts
mehr an Polen erinnern
Die Nazis haben einiges vor mit Wieluº,
das jetzt als Teil des Reiches zum so genannten Warthegau gehört.
Man plant langfristig: Der deutsche Bürgermeister Werner
Pfarschner, der 1942 ernannt wird, soll laut Ernennungsurkunde
bis 1954 im Amt bleiben. Germanisierung ist das Ziel. Die Stadt
heißt nun Welun, im so genannten Welunger Gebiet gibt es
nur noch deutsche Schulen. Die SS beabsichtigt, Welun als deutsche
Mustersiedlung neu zu errichten, alles Polnische soll ausgelöscht
werden. Das Modell dafür ist bereits fertig.
Erst nach der Befreiung durch die 1. Ukrainische
Front der Roten Armee in der Nacht vom 18. zum 19.Januar 1945
begann in Wielun allmählich der Wiederaufbau. Etwa 25000
Menschen wohnen heute hier. Für die Jüngeren, für
viele nach dem Krieg Zugezogene ist der 1. September längst
Geschichte. Immerhin: Eine Bronzetafel und eine Dauerausstellung
im Museum erinnern noch an den Schicksalstag der Stadt. Nur die
Namen der Piloten, die das alte Wielun dem Erdboden gleichmachten,
kennt niemand mehr.
Hauptmann Walter Sigel, der den ersten Stuka-Angriff
befehligt und das Krankenhaus getroffen hatte, fiel 1944 als Oberstleutnant.
Major Oskar Dinort, der die letzte Bombe auf den Marktplatz geworfen
hatte und später mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden
war, lebte nach dem Krieg in Köln, 1965 ist er gestorben.
Zweimal, 1978 und 1983, wurde wegen der Zerstörung des Krankenhauses
von Wielun in der Bundesrepublik ein Ermittlungsverfahren eingeleitet
und nach kurzer Zeit wieder eingestellt: Die Kommandeure
hätten in der Morgendämmerung nicht bemerken können,
dass sie auch ein Krankenhaus bombardierten, argumentierte einfühlsam
die Staatsanwaltschaft.
Seit kurzem beabsichtigt das Institut des
Nationalen Gedenkens (IPN) in Warschau, eine gemeinsame deutsch-polnische
Veröffentlichung zu Wielun herauszugeben 58 Jahre
nach Kriegsende.
Der Autor ist Journalist und leitete bis 2000 die Abteilung Politik
(Fernsehen) beim Sender Freies Berlin
DIE ZEIT 07/2003
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