|
Kein anderes Thema als die Deutschen als Opfer hat das Buch "Der
Brand" von Jörg Friedrich zum Inhalt. Und sie haben verstanden.
Vom deutschnationalen Herrenmagazin Der Spiegel bis hin zu
allen anderen auch kennt man nur noch das Leiden der verhinderten
Herrenmenschen, der fucking german krauts. Und weil sie nicht wahrnehmen
wollten, was es allenthalben schon zu lesen gab, muss nach Walser
und Grass der nächste Tabubruch her. Aus gegebenen Anlass ein
Hinweis auf eine andere Veröffentlichung.

Dresden Bombers: Lancaster
review:
Helmut Schnatz "Tiefflieger über Dresden? Legenden und
Wirklichkeit", Köln 2000
zuerst veröffentlicht in literatur konkret Nr. 25 2000/2001
(Oktober 2000) S. 43/44
aktuelles Print: CEE IEH aus Leipzig, Februar 2003
Manche Mythen gelten als unzerstörbar. Und je weiter sie zeitlich
entfernt liegen, desto unangreifbarer werden sie. Kein Gedanke,
kein Argument, kein Beweis, der die bisherige Sichtweise beeindruckt,
gar verändert, wird akzeptiert. Nichtachtung ist das Höflichste,
meist aber wird mit Verdammnis gedroht oder es wird gar handgreiflich.
Der große Dresden-Mythos beruht auf einer Tat, die zumeist
auf den 13./14. Februar 1945 datiert wird: Die Bombardierung der
Stadt. Zerstört wurde, so heißt es, eine unverteidigte
Stadt, eine Perle der Barockkultur, welche scheinbar zeit- und raumlos
in sich selbst ruhte. Dass es hier Nazis wie in anderen Großstädten
Berlin weicht von der Regel ab sehr leicht hatten,
dass hier die größte NSDAP-Dichte pro Kopf der Bevölkerung
und die erste Bücherverbrennung im Reich war und es antijüdische
Pogrome, ZwangsarbeiterInnen und politische Verfolgung gab, die
ganze NS-Inhumanität also, tangiert die Geschichtsbetrachtung
bis heute nicht. Der Oberbürgermeister und alle anderen erzählen
immer noch von den 35 000 Toten im Februar 1945, obwohl sie es spätestens
seit 1995 es besser wissen könnten. Und in Sachsen, wo es laut
Willen der Staats- und Parteiführung sowie deren MitläuferInnen,
einen staatlich verordneten Geschichtsrevisionismus gibt, der hervorragend
in dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung und
dessen Personal präzisiert wurde, ist in der Landeshauptstadt
die in Stein gehauene Form dessen sichtbar: der Wiederaufbau der
Frauenkirche. Dort erfährt man bei Führungen die Dresdner
Todeszahlen aufgrund der Angaben des Leugners der Shoa David Irving.
Nur wenige Schritte entfernt sieht man gegen einen Obulus einen
Nazi-Film über das alte Dresden. Ein Jahr vor der Zerstörung
der Synagogen in Deutschland gedreht, hatte man hier schon das Werk
vollbracht. Den sogenannten Canalleto-Blick zeigend, von der Semperoper
über die Brühlsche Terrasse, fehlt am Bildende etwas.
Es ist die von Gottfried Semper entworfene Synagoge. Sie fiel erst
der Retusche, dann ganz ordinären DresdnerInnen zum Opfer.
Aber selbst wenn sie die Wahrheit sagen, müssen sie noch lügen.
Wie etwa der Oliver Reinhard von der Sächsischen Zeitung, der
auf deren Kulturseiten das ist dort, wo völkische Schlagersänger
wie Heinz-Rudolf Kunze zwar nicht deutsch reden, aber meinen können
sowie der Martin-Walser-Freundeskreis herumantisemiteln darf
da also behauptete Reinhard vor einigen Wochen, es gäbe neuere
Forschungen. Und nach denen betrage die Zahl der Toten 25 000. Die
Zahl ist richtig, da es ohne Lüge nicht geht: weil die SZ aus
schlechten Gründen die falschen Zahlen seit Jahrzehnten verbreitet
hat, müssen es neuere Forschungen sein, die es nicht gibt.
Ein Aspekt der Widerlichkeit bleibt dabei immer außen vor,
sei es in den Aussagen der ErlebnisdresdnerInnen oder ihrer Nachkommenschaft
und den Zugereisten, den BekenntnisdresdnerInnen. Alle sind Opfer,
alle sind DresdnerInnen! Der spätestens seit 1939 drangsalierte
Jude, der politische Häftling, das zweijährige Kind. Sie
werden identisch gemacht mit dem SS-Mann, der bis zuletzt führertreuen
Denunziantin und den kritischen Opportunisten wie Erich Kästner.
Um nicht missverstanden zu werden und weil es immer wider besseren
Wissens unterstellt wird: Selbstverständlich ist das zweijährige
Kind aus der Blut-und-Hoden-Verbindung des SS-Mannes und der BDM-Blondine
unschuldig, die Eltern sind es nicht. Für die beiden Letztgenannten
gilt: Keine Träne für Dresden!
Der Krieg war längst zu Ende, lügt es aus dem Dresden-Kollektiv
heraus. Warum aber hatten dann eben die letzten Juden ihre Gestellungsbefehle
bekommen, um Mitte Februar in die Vernichtung gebracht zu werden?
("Lieber eine Bombe auf den Kopf als nach Auschwitz",
sagte ihr Vater, berichtet eine der Überlebenden.) Es war ein
"sinnloser Bombenangriff", rödelte die PDS-Bundesvorsitzende
auf der hiesigen Friedensdemonstration Mitte Januar vor mehreren
tausend Gleichmeinenden. Es war also sinnlos, dass mit dem Angriff
rund 200 Juden vor den Vernichtung gerettet, eine unbekannte Anzahl
von politischen Gefangenen befreit und durch Volltreffer die Akten
der Gestapo vernichtet wurden. Nicht der Bombenangriff war schlimm,
mag sie gemeint haben, sondern "die Sinnlosigkeit". Das
"Coventrieren", wie man in Deutschland die Zerstörung
Coventrys nannte, hatte hingegen Sinn. Ob allerdings die
Vernichtung bzw. der Bomben-Holocaust bzw. das Treiben "der
alliierten Luftgangster" (Dr. Goebbels) so wirkungsvoll war
wie man allgemein darstellt, kann bezweifelt werden. Bereits kurze
Zeit später funktionierte das Versorgungssystem per Marken
wieder entsprechend der Umstände gut, so erzählen es zumindest
Beteiligte. Und noch am 7. Mai wie gesagt, der Krieg war
schon drei Monate vorher entschieden, wenn nicht gar zu Ende
wurde in Dresden die letzte Nazi-Zeitung im Reich gedruckt. Zur
Auslieferung kam es aufgrund der bekannten Umstände dann nicht
mehr. Ein zentrales Moment für diese Dresdner Erlebnis- und
Bekenntnisgenerationen man begreift sich hier als Kollektivopfer
sind angebliche Menschenjagden durch Tieffliegerangriffe
an den beiden Februartagen. Immer schrecklicher, immer detaillierter
und immer brutaler werden die Erzählungen. Obwohl seit dreizehn
Jahren bekannt ist, dass es sich bei den Darstellungen nicht um
die Wahrheit gehandelt haben kann, gab es erst vor zwei Jahren eine
wissenschaftliche Untersuchung, die sich aller Behauptungen und
Eventualitäten annimmt. In der Natur der Sache liegt es, dass
diese Untersuchung nicht in Dresden initiiert wurde, sondern durch
den auswärtigen Historiker Helmut Schnatz, der alles verfügbare
Material aus deutschen und alliierten Quellen zusammengetragen hat.
Penibel weist er nach, was man vorher zumindest ahnte: Es hat neben
dem Bombardement keinerlei Angriffe auf Menschen mit Maschinengewehren
durch Flieger gegeben. Und die Beweislage ist eindeutig. Mit dem
vorhandenen militärischen, politischen, meteorologischen Material
und auch ganz einfach durch Anwendung der Naturgesetze belegt Schnatz,
dass es sich um einen Schwindel, allerdings psychologisch erklärbaren
Schwindel handelt. Das konnte das geballte Dresdentum nicht auf
sich sitzen lassen. Auf einer Buchvorstellung hatte sich "das
alte Dresden" noch einmal zusammengerottet, um dem Schnatz
die Meinung zu sagen: "Sie können gern weiter forschen,
aber es muss schon das Richtig rauskommen" oder "Ich protestiere
dagegen, dass fremde Historiker, die gar nicht in Dresden zu Hause
sind, über unsere Heimatstadt schreiben dürfen!"
Als unautorisierter, ihnen aber trotzdem aus den Gedärmen Sprechender
war extra einer in Knickebockern angereist, Manfred Roeder. Dazu
kamen noch die Antisemiten von den Unabhängigen Nachrichten
und der Junge Landsmannschaft Ostpreußen. Das Gesindel per
Hausrecht rauszuschmeißen die Veranstaltung fand in
dem kommuneeigenen Stadtmuseum statt war für die Ausrichter
völlig undenkbar. Erzählten doch Roeder und andere Nazis
nichts anderes als sie selbst. Und auch als eine Ur-Dresdnerin der
Lüge überführt wurde, tat das der guten Stimmung
keinen Abbruch. Ihre Behauptung, sie habe die Tiefflieger nicht
nur gesehen, es sei auf sie sogar geschossen worden, musste sie
auf Nachfragen relativieren. Sie und ihr Vater hätten ein näherkommendes
Flugzeug gesehen, daraufhin habe sie der Vater unter den Wagen gestoßen
und das Gesicht auf die Erde gedrückt. Und ob geschossen wurde,
konnte sie nicht hören. Eine andere "Augenzeugin"
musste zugeben, dass sie überhaupt nicht anwesend war, sondern
alles nur über zwei weitere Personen gehört hatte. Oral
history. Damals konnte auch der schon erwähnte Oliver Reinhard
nicht an sich halten. In einem Interview ließ er Schnatz sagen.
"...und sogar ein Historiker wie John Irving..." Fehler,
Irrtum, Absicht? Selbstverständlich sprach der Koblenzer Historiker
nicht von dem Schriftsteller John Irving, sondern dem Revisionisten
David Irving. Eine Richtigstellung der Schnatz untergeschobenen
Dummheit fand nicht statt. Auch als sich Leser diesbezüglich
lustig machten, fand sich die Sächsische Zeitung nicht bereit,
die von Reinhard erarbeitete und in der Ausgabe vom 12./13. Februar
gedruckte Lüge zu revidieren. Es kann also von nachträglicher
Absicht ausgegangen werden. Wäre die Enthüllung dieses
Teils des great Dresden swindels die ganze Aussage der akribischen
Arbeit, es gäbe nichts zu beanstanden, sondern nur zu loben.
Aber Schnatz bleibt nicht bei seinem Untersuchungsgegenstand, sondern
schreibt über Dinge, von denen nach der Lektüre anzunehmen
ist, dass er davon zumindest keine Ahnung hat. Er bleibt dem Dresden-Mythos
verhaftet und verfestigt ihn. Neben der Angabe der falschen Todeszahl
konstatiert er im Schlusskapitel eine "informelle rot-braune
Allianz" zum Thema Dresden; will heißen: DDR und David
Irving. Und so sind viele "unbewusst noch heute Opfer einer
politisch motivierten DDR-Propaganda". Wobei richtig ist, dass,
wäre die Bombardierung durch die Rote Armee erfolgt, es in
der Geschichtsschreibung der DDR eine realitätsgetreuere Darstellung
gegeben hätte (Wie es zur Entstehung und Verfestigung der Bombenopfer-Rolle
ausgerechnet Dresdens kam, obwohl andere Städte in Deutschland
ärger getroffen waren, muss aus Platzgründen andernorts
erörtern werden). Nur hat Schnatz scheinbar die Veröffentlichungen
in den beiden deutschen Staaten zu Dresden lediglich willkürlich
zur Kenntnis genommen, sonst würde er von einer "deutsch-deutschen
Allianz" sprechen. Andererseits zitiert er ausführlich
bundesdeutsche Autoren, die das "unbesiegbare Dresden"
als Opferkollektiv beschreiben, was Schnatz aber als "zeitweise
unkritisch" verharmlost. Und selber bekommt er sich kaum mehr
ein, wenn er über Arthur Harris und das von ihm angerichtete
"Massaker", bei welchem Menschen "ausgerottet"
wurden, schreibt. Von "Massenvertreibungen" ist logischerweise
dann die Rede, wenn es um Umsiedlungen laut alliierter Abkommen
geht. Und so hat Schnatz, wie die Dresdner auch, nicht ein Wort
übrig, wenn es um die Opfer geht von denen weiter oben die
Rede war. Der Tod der Täter, ihrer vielen willigen Helfer und
Akklamateure leider auch der Tod von Unschuldigen
half diesen Menschen zu neuem Leben.
Und noch ein letztes Wort zum Lektorat. Man hat ja schon einiges
gesehen. Eine Arbeit aber, die einen wissenschaftlichen Charakter
beansprucht, die in einem Verlag erscheint, der einen wissenschaftlichen
Ruf hat, eine solch schlecht lektorierte Arbeit ist eine absolute
Ausnahme. Da heißt ein Zeitzeuge mal Werner Ehlich, dann wieder
Werner Ehrlich. Neben einer unmotivierten Zeichensetzung im gesamten
Text, erscheint z.B. eine Zeitung Eigennamen werden grundsätzlich
nicht hervorgehoben namens Dresdner Zeitung. Nur gab es diese
so nicht, sondern unter gleichem Titel erscheint eine Dresdner Regionalbeilage
der Sächsischen Zeitung. Bücher aus Berlin/DDR sind Bücher
aus Berlin/Ost, Bücher aus West-Berlin hingegen kommen aus
Berlin. Usw., usf.
Als Resümee bleibt lediglich, dass bis auf den Untersuchungsgegenstand,
der ganz und gar vorzüglich erarbeitet wurde, das Buch völlig
missraten ist und die tiefe Unkenntnis des Verfassers über
die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung des 2. Weltkriegs
zeigt.
www.nadir.org/ci
up
|