| Am 13. Februar erwarten uns verstärkte
Friedensaktivitäten, die mit ihrem Anti-Amerikanismus genau
in die gruseligsten Argumentationen zum 13. Februar einsteigen.
Dazu hier ein Interview, obwohl das Thema noch nicht sehr viel
hergibt.
Weiter unten oder über folgenden Link noch ein Artikel, der
eine von der Initiative gegen Antisemitismus und Antizionismus
angemahnte genauere Auseinandersetzung mit dem Irak-Krieg anregt.
DIE ZEIT 05/2003:
Warum Juden in aller Welt lieber auf die US-Armee vertrauen als
auf Friedensbewegungen
Interview der Antifa Dresden / webgroup mit der Initiative
gegen Antisemitismus und Antizionismus
webgroup: Wie war die heutige Friedensdemo (27. Jan. 03) gegen
den geplanten Krieg gegen den Irak?
Ini: Kurz und schmerzlos, etwa 500 Leute, Schorlemmer hat eine
komische Predigt gehalten.
webgroup: Wer war so da?
Ini: Die SPD hat aufgerufen, sozusagen in Solidarität zur
Regierung; hauptsächlich waren ältere Bürger da.
Die Büsos (abstruse Weltverschwörungs-Antisemiten) waren
da.
webgroup: Schorlemmer hat also eine Rede gehalten. Das passt
ja zu ihm als alten Bürgerrechtler und Akteur bei der nationalen
Revolution 1989. Was hat er erzählt?
Ini: Besonders fand ich, dass auch er die angebliche moralische
Kompetenz Deutschlands zum Thema Krieg hervorgehoben hat, das
"alte Europa" habe gelernt. Aber richtig der Hammer
war etwas anderes: Das Problem seien nicht "die Amerikaner"
sondern "amerikanische Interessengruppen" - die "Kriegswilligen".
webgroup: "Amerikanische Interessengruppen", das
klingt ja mindestens antisemitisch auslegbar.
Ini: Ja. Aber was er damit macht, ist genau die gefährlichen
Tendenzen des Anti-Amerikanismus zu bestätigen. Er prägt
damit das Bild des Jüdischen im Amerika stärker als
es ohnehin schon da ist. Er distanziert sich vom Anti-Amerikanismus,
indem er nur dessen antisemitischen Gehalt hervorhebt.
webgroup: Allgemeiner Eindruck von der Friedensdemo?
Ini: Sehr emotional und betroffen, endete mit Gebet und das alles
in schummrigen Licht vor der barocken Altstadt.
webgroup: Klingt schon ein bisschen nach 13. Februar. Wie
schätzt du die Friedensbewegung in Bezug auf den 13. Februar
ein?
Ini: Da fällt mir nicht viel ein. Außer vielleicht
ein nicht so tolles aber passendes Zitat: "Hinter dem Ruf
nach Frieden verschanzen sich die Mörder."
webgroup: Und sonst noch ein statement zum Thema?
Ini: Mit diesem Krieg wird viel billige Selbstbefriedigung betrieben.
Amerika dient als plumpe Hass-Folie; gegen "Krieg als Verbrechen"
zu sein ist immer gut; und es wird so getan, als gäbe es
nur Kriegstreiber einerseits und Friedensbewegte andererseits.
Dabei werden die genaueren Umstände des Krieges in Irak überhaupt
nicht in Betracht gezogen, es gibt keine Auseinandersetzung. Krieg
ist eben nicht gleich Krieg. Auch der Krieg der Allierten gegen
Nazi-Deutschland eignet sich daher überhaupt nicht als Vergleich.
webgroup: Danke für das Interview und für Euer Engagement
im Demos-Abchecken...
«Man kann nicht a priori gegen einen Krieg sein.
Die Konzentrationslager sind nicht von Demonstranten befreit worden,
sondern von der Roten Armee.»
(Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland,
Paul Spiegel, am Sonntag, 26. Jan. 03 in Darmstadt bei der Gedenkfeier
für die Opfer des Nationalsozialismus zur Haltung der Bundesregierung
zu einem Irak-Krieg.)
DIE ZEIT 05/2003
Amerika, du machst es besser
Warum Juden in aller Welt lieber auf die US-Armee vertrauen als
auf Friedensbewegungen
Von Natan Sznaider
Worüber können heute zwei Freunde streiten, die sich
sonst im Politischen über alles einig sind? Wenn der eine
Jude ist und der andere nicht, dann sicher nur über Amerika.
Dann werden aus zwei liberalen Menschen Kampfhähne. Amerika
bricht alle internationalen Gesetze, ist ein Imperialist, es geht
doch nur ums Öl, dieser Bush ist doch so primitiv!
Wir müssen uns dagegen wehren. Aus der
jüdischen Ecke kann man nur noch verhalten reagieren.
Wie soll man seine Gefühle erklären, ohne sich selbst
in einem ethnischen Essenzialismus zu verlieren? Kann es so etwas
wie eine jüdische Einstellung zu Amerika überhaupt geben?
Wie erklärt man es, dass Amerika für Befreiung steht
und dann nicht versteht, warum gerade Deutsche das nicht
verstehen, und bei dem Gedanken erzittert, dass sie es nicht verstehen
wollen?
Wie erklärt man es, dass man als Jude gerade in Amerika
am leichtesten atmen kann? Amerika war und ist für viele
Juden immer schon das goldene Land, das wahre Zion,
wo Milch und Honig für sie fließen können. Der
wahrhaftig sicherste Ort für Juden in dieser Welt, ein Land,
wo kürzlich der Jude Joseph Lieberman es beinah geschafft
hätte, Vizepräsident zu werden. Amerikanischer Humor
ist auch jüdischer Humor, nicht nur wegen Woody Allen und
Lenny Bruce. Das Great American Songbook wäre ohne George
und Ira Gershwin sowie Irving Berlin nicht denk- und hörbar.
Es ist kein Zufall, dass viele Juden, falls es ihnen besonders
gut geht, einfach Amerika sagen. In keinem Land der
Welt haben Juden es so weit bringen können wie in Amerika
ja sogar so weit, dass es dem antijüdischen Ressentiment
erlaubt ist, von jüdisch kontrollierten Machtzentralen
wie den Medien zu reden. Aber selbst davor schaudert es
einen nicht, sondern man nimmt es mit heimlichem Stolz wahr und
wünschte, es wäre so. Daher sind im Bewusstsein vieler
Juden die Angriffe gegen Amerika gleichzeitig Angriffe gegen Juden.
Geht man durch deutsche Städte, sieht man, dass die am strengsten
bewachten Gebäude jüdische und amerikanische Einrichtungen
sind. Nur Zufall? Wie erklärt man einem Freund, man teile
im Fall des Irak ein Bauchgefühl mit Amerikanern? Wenn man
meint, dass sich im Irak etwas zusammenbraut, was mit sozialpädagogischem
Dialog nicht aus der Welt zu schaffen ist? Dass man Stellung beziehen
und sich sogar über internationale Vereinbarungen hinwegsetzen
möge, da diese Vereinbarungen im Ernstfall schon mal versagten?
Wer sich alles so am Öl berauscht
Man hört sich argumentieren, sagt Dinge, die man als Liberaler
eigentlich nicht von sich hören möchte. Man sagt: Nur
Amerika kann uns beschützen, denn Amerika ist vielleicht
das jüdischste Land auf der Welt, vielleicht sogar jüdischer
als Israel. Denn in Amerika muss man sich nicht assimilieren;
es gibt keinen amerikanischen Essenzialismus, dem man sich anpassen
muss. In Amerika ist man Vergangenheit (wo man herkommt) und Gegenwart
(Verfassungspatriot) zugleich. Da der Assimilationsdruck oft geringer
und der Fortbestand kultureller Identitäten im Rahmen multikultureller
Konzeptionen legitim ist, muss sich die Identität von Juden
und anderen Gruppen nicht unbedingt durch ihre Verbindung zum
Heimatland definieren. Keiner schwafelt von Integration; Leben
in der Diaspora ist Leben in der ständigen Spannung zwischen
Universalismus und Partikularismus. Zu universal, um partikular
und zu partikular, um universal zu sein. So typisch amerikanisch
und am Ende vielleicht doch auch typisch jüdisch?
Kann man so etwas seinem deutschen liberalen Freund erklären,
der doch sein ganzes Leben lang versuchte, sich aus dem verschmähten
Partikularismus zu befreien, und nun gar nicht verstehen will,
dass man sein typisch jüdisches Schicksal lieber der amerikanischen
Armee als der deutschen Friedensbewegung anvertrauen will?
Dann liest man die täglichen Angriffe auf Amerika in der
Presse, geht zu Veranstaltungen, auf denen Dan Diner sein neues
Buch Feindbild Amerika vorstellt. Er tut es zusammen mit Philippe
Roget, der in seinem Buch LEnnemi Américain deutschen
Antiamerikanisten den Spiegel der französischen Amerikagegner
vorhält. Und dann raucht es wieder im Publikum: Amerika als
Kriegshetzer, Imperialist, Amerika ist vulgär, materialistisch,
typisch Hollywood, alles aufs Geld reduzierend.
Und dann das Argument der Argumente: Öl. Es geht doch nur
um Öl. Öl als magischer Schlüssel zur Erklärung
der Welt. Öl als Sesam, öffne dich. Schwer zu verstehen,
warum dieses Wort immer mit erotisch verklärtem Blick ausgesprochen
wird. Wer Öl sagt, kann sich schick antiimperialistisch und
antiglobal gebärden. Noch mehr reizt das pure Wort. Öl
ist Geld. Und Geld ist böse, ist Entfremdung und typisch
jüdisch. Es ist nie schwer gefallen, diesen Entfremder zu
personalisieren. Wir alle wissen um die Identifizierung der Juden
mit Geld, und wir wissen, wie diese Identifizierung auf Amerika
und die Amerikaner projiziert wurde.
Natürlich, so was sagt man nicht, denn man darf ja nicht
mit der Antisemitismuskeule kommen. So was kann Ärger geben,
und man will es ja auch niemandem unterstellen. Wenn man es doch
so direkt tut wie Dan Diner in seinem Buch, dann ist klar, dass
man das typisch jüdisch zurückbekommt. Denn
Diner und auch Henryk Broder gehören zu den
wenigen jüdischen Intellektuellen, die es klar und deutlich
aussprechen: Hinter eurem Antiamerikanismus verbirgt sich
mehr schlecht als recht der alte, schon müde Antisemitismus,
der ja auch nichts anderes ist, als sich gegen die pluralistische
Moderne zu stellen. Und wenn Diner dann das Prinzip
Amerika als das neue Prinzip Hoffnung deklariert
und behauptet, die amerikanische Flagge habe die rote als Symbol
der Freiheit abgelöst, dann kann die liberale Elite nicht
mehr mitmachen. In der Tat mag das Argument gerade in Zeiten,
in denen die amerikanische Kultur wirklich über die alte
europäische Hochkultur gesiegt hat, etwas antiquiert anmuten.
Aber es trifft den Nerv der Eliten. Gerade die liberale Elite
will sich das nicht vorwerfen lassen, da Antisemitismus eben irrational
und tabu ist, aber gegen Amerika zu sein, das ist was anderes.
Kann man es ihr vorwerfen? Warum soll man nicht sagen dürfen,
dass die Amis nur ans Öl denken und die Welt beherrschen
wollen? Und vielleicht tragen sie für den 11. September eine
Mitschuld? Was hat denn das mit Juden zu tun? Hat es nun mal.
Und das ist genau das, was Diner seinem Publikum in Elmau, jenem
Ort, wo sich die liberale Elite mit Kulturkonservativen zum gemeinsamen
Denken trifft, ins Gesicht sagt. Gerade nach solchen Veranstaltungen
ist das Bedürfnis, unter Juden bleiben zu wollen, wohl am
stärksten.
So stehen sich der Antiamerikanismus und der Antiantiamerikanismus
als Vertreterdebatten unversöhnlich gegenüber: Es
muss doch in diesem Land wieder möglich sein
Gewiss doch. Für seine Feinde ist Amerika vor dem Hintergrund
des derzeitigen Stadiums der Globalisierung ein Repräsentant
des Kosmopolitischen, das einst mit den Juden assoziiert
wurde. Um dies zu erkennen, genügt ein Blick auf die Ähnlichkeiten
zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus, die häufig
beide vereint im Diskurs der Globalisierungsgegnerschaft anzutreffen
sind. Diesen Antiamerikanern will man sagen, dass einem ihre Argumente
bekannt vorkommen. Aber sie verstehen es nicht. Gegen Juden?
Ach was. Vielleicht Kritik an Israel, aber die ist doch berechtigt,
oder? Den Vorwurf des Antisemitismus werden die Antiamerikaner
entrüstet von sich weisen, denn deren Kritik beruht ja
ja, worauf?
Es geht eben nicht nur um Amerika. Das neue Europa gründet
sich durch Abgrenzung zu anderen. Amerika dient als Spiegel, so
wie in den Debatten der vergangenen Monate die Türkei als
Spiegel diente. Man grenzt sich von den Asiaten und den Muslimen
ab, indem man der Türkei den Eintritt nach Europa verweigert.
Abgrenzungen nach außen sind in einer globalen Zeit, wo
innen und außen nicht mehr zu unterscheiden sind, gleichzeitig
Abgrenzungen im Inneren. Die äußere Abgrenzung zur
Türkei, die auch eine Abgrenzung zu Muslimen nach innen bedeutet,
wird früher oder später auch die Juden erreichen. Und
die spüren das. Bei dem anderen Spiegel, bei Amerika, wird
das noch klarer. Wenn antiamerikanische Rhetorik antijüdischer
zu sehr ähnelt, dann muss man es persönlich
nehmen.
Es bleibt die Frage, ob Europa ohne Amerika überhaupt existiert.
Kann man sich ein alternatives Europa ressentimentfrei
überhaupt vorstellen? Anders gefragt: Wie kann ein
kosmopolitisches Europa entstehen, das ohne antiamerikanische
Ressentiments auskommt? Kosmopolitismus nicht als abstrakte Philosophie,
sondern als gelebte Praxis, die in den Herzen der Menschen verwurzelt
ist? Damit sollen universale Werte gemeint sein, die die Menschen
gefühlsmäßig erfassen und nicht bloß abstrakte
Philosophie sind. Ironischerweise ist es das, was die Amerikaner
Pragmatismus nennen. Moderner Kosmopolitismus beginnt da, wo die
Staatssouveränität endet. Das höchste Gut sind
menschliches Wohlsein und die Pflicht, dem Leiden anderer nicht
gleichgültig gegenüber zu stehen. Nicht mehr Zuschauer
bleiben und alles daransetzen, das Sterben Unschuldiger zu vermeiden.
Darauf beruht die kosmopolitische Moral der Menschenrechtspolitik
und der humanitären Intervention.
Keine Angst vor Utopien!
Wenn die Denker der Aufklärung im 18. Jahrhundert von kosmopolitischen
Bürgern sprachen, bezogen sie sich auf Weltbürger, deren
Geburtsort reiner Zufall war und deren bestimmende Gruppenzugehörigkeit
in einer universellen Gemeinschaft im Geiste bestand. Es gäbe
viel über dieses Zugehörigkeitsgefühl zu sagen.
Es fordert für alles Verantwortung, wo auch immer in der
Welt. In seinen Auswirkungen zu Ende gedacht, führt es zur
Schaffung internationaler Gesetze und Institutionen, um diese
Prinzipien zu garantieren.
In unseren globalen Zeiten brauchen wir eine Vorstellung von
Staatsbürgertum, das auf einem Ethos individueller Selbstverwirklichung
und Leistung gegründet ist. Amerika kann diesen Kosmopolitismus
symbolisieren, obwohl es ihn manchmal selbst vergisst. Und man
ist sich gerade in Amerika des Gefälles zwischen Ideal und
Wirklichkeit sehr bewusst, was oft von wohlmeinenden
Kritikern außerhalb Amerikas übersehen wird. Im jüdischen
Gedächtnis ist diese Symbolik stark verankert. Amerika ist
auch eine Gesellschaft der Außenseiter, der Einwanderer,
der Flüchtlinge. Darum konnten Juden dort so gut Fuß
fassen. Es symbolisiert Pluralismus, und das auch in seiner religiösen
Bedeutung.
Jeder Angriff auf Amerika wird daher als Angriff auf das eigene
Existenzgefühl verstanden. Es kann gar nicht anders verstanden
werden. Wenn die Welt langsam zu Amerika wird, kann das für
Juden nur Hoffnung bedeuten, denn Amerika verteidigt letzten Endes
auch die Freiheit, Antiamerikaner zu sein. Wenn es heute überhaupt
einen globalen Konsens gibt, der in Demokratie, offenen Märkten
und Menschenrechten erstrebenswerte Ziele sieht, dann hat das
sicher mit den Zielen selbst zu tun, aber auch damit, dass sie
Teil des amerikanischen Machtanspruchs sind. Also: Keine Angst
vor Utopien!
Natan Sznaider lehrt Soziologie am Academic College in Tel Aviv,
Israel. Zurzeit arbeitet er am Institut für Soziologie der
Universität München. Zuletzt erschien von ihm zusammen
mit Daniel Levy und Ulrich Beck (Hrsg.): Erinnerung im globalen
Zeitalter: der Holocaust (Suhrkamp Verlag)
(c) DIE ZEIT 05/2003
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