|
Man ist sich einig. Die Bombardierung deutscher Städte durch
die Alliierten ist ein enormes Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges.
Doch das, was man bislang bei jeder Gelegenheit über Dresden
hörte, das, was man auch in nahezu jeder anderen Stadt durch
Denkmäler suggerierte, das, was bereits in unzähligen,
zum Teil sehr erfolgreichen Romanen und Zeitschriftenserien beschrieben
ist, scheint, so jedenfalls legen es die Feuilletons nahe, bislang
nicht allgemein anerkannt worden zu sein. Daher rollt seit gut
zwei Monaten erneut eine Kampagne durch die deutschen Medien,
die nun in einer umfangreichen Serie des Spiegel ihren vorläufigen
Höhepunkt findet.
Angefangen hat es diesmal damit, dass sich die britische Presse
nicht so beglückt über Jörg Friedrichs Buch »Der
Brand« zeigte, wie es die Deutschen erwartet haben. Dabei
ist dieses Buch doch ungemein »sachkundig«, wie Hans
Mommsen feststellte. Der Spiegel sieht in dem Buch »den
einschlägigen Forschungsstand zusammengefasst«.
Martin Walser wiederum rühmte es als »Denkmal für
den Bombenkrieg«. Offenbar auf die Debatte um das Holocaust-Mahnmal
anspielend erklärte er im Focus, das Buch sei »ein
geschriebenes Denkmal, und das ist immer noch jedem anderen Denkmalsversuch
vorzuziehen«. Zudem habe Friedrich eine »Erzählkompetenz«,
die »das gegenseitige Vernichtungswüten für unsere
Teilnahme zugänglich« mache.
Die National-Zeitung nennt das Buch »eindrucksvoll«
und meint, es sei ein »überfälliges Werk«.
Friedrich schildere »wahrheitsgemäß«, »wie
Hunderttausende deutscher Frauen und Kinder im Holocaust des alliierten
Bombenterrors verglühten«.
Die Wortwahl kommt nicht von ungefähr, Hans-Ulrich Wehler
stellte irritiert fest, dass Friedrich in seinem Bestseller die
Bombenangriffe einen »Vernichtungskrieg« nennt, und
dass er auch andernorts Worte benutzt, die eine »unverhohlene
sprachliche Gleichstellung mit dem Horror des Holocaust«
darstellten. »Die Bomber Group 5 mutiert zur
Einsatzgruppe, Bombenopfer werden zu Ausgerotteten,
ihre Keller zu Krematorien erklärt.« Und
dabei erhoffte Wehler sich eine »reinigende Debatte«,
da »Völker mit diesen Kriegserfahrungen solche Phänomene
wie Massenflucht, Vertreibung, Vergewaltigung, Bombenkrieg nicht
beliebig verdrängen können«.
Jochen Bölsche hält derartige Bedenken offensichtlich
für überflüssig. Auf 13 Seiten schildert er im
Spiegel, was die Briten, allen voran Sir Arthur Harris, genannt
»Bomber Harris«, den deutschen Städten und ihren
Bewohnern angetan hätten. Die »fliegenden Terroristen«
hätten wahre »Luftmassaker« veranstaltet, die
in militärischer Hinsicht völlig sinnlos gewesen seien.
Die Briten nämlich, so schreibt Bölsche, der der Argumentation
Friedrichs ganz und gar folgt, hätten ausdrücklich Wohngebiete
bombardieren wollen.
Wenn man die Ideen von Friedrich ernst nähme, hieße
das, dass die Deutschen Churchill einen Kriegsverbrecher nennen,
schrieb der Daily Telegraph. Bölsche widerspricht, um sieben
Seiten später Rudolf Augstein zustimmend zu zitieren, der
schon 1985 geschrieben hatte, dass man Churchill nach »den
Maßgaben der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse«
hätte hängen müssen, »zumindest als Oberbomber
von Dresden, zu dem Zeitpunkt, als Deutschland schon erledigt
war«.
Zwar weist der Spiegel darauf hin, dass Hitler und wie
immer, wenn Deutsche über die Verbrechen des Nazismus reden,
war er es allein den Bombenkrieg begonnen habe, allerdings
längst nicht in diesem Ausmaß. Ganz unschuldig fragt
der Spiegel: »Darf Terror mit Terror beantwortet werden?«
Dass die Briten und später auch die USA Deutschland terrorisierten,
scheint abgemachte Sache. Der Spiegel, der noch jede kriegsverbrecherische
Handlung eines Wehrmachtssoldaten in einen größeren
militärstrategischen, also entschuldigenden Kontext einbetten
konnte, verzichtet weitgehend auf den militärischen Zusammenhang.
Selbstredend ist ein Bombenkrieg etwas Grässliches, und
nicht nur Jörg Friedrich, der mit Beschreibungen der Opfer
kaum mehr an sich halten kann, hat darauf hingewiesen, dass viele
der in Hamburg, Berlin oder Halberstadt getöteten Kinder,
Kranken und Sklavenarbeiter nicht einmal der Mitschuld am Krieg
geziehen werden können. Doch nahezu alle Rezensenten unterschlagen
ebenso wie Bölsche und Friedrich das Kriegsgeschehen, innerhalb
dessen diese Angriffe stattfanden.
Zur Logik des Krieges, mit der sich das deutsche Feuilleton ja
sonst bestens auskennt, gehört nicht nur der unbedingte Gehorsam
und die empfindliche Ahndung von Befehlsverweigerung (von der
bei Gelegenheit der Wehrmachtsausstellung ja viel schwadroniert
wurde), sondern auch ein simplifizierendes Freund-Feind-Verständnis
sowie die Pflicht der Befehlshaber, die von ihnen befehligte Truppe
und das von ihnen regierte Land vor allen anderen zu schützen.
Wenn also die Briten und Amerikaner ihre so genannten fliegenden
Festungen zum Angriff gegen Deutschland schickten, ging es ihnen
zunächst um die Vernichtung von militärisch bedeutsamen
Industrieanlagen, zugleich aber auch darum, die von den Nazis
stets beschworene »Heimatfront« anzugreifen. Eine
Lehre aus dem Ersten Weltkrieg war es, dass, allem Befehlszwang
zum Trotz, die Soldaten gegen ihre Befehlshaber rebellierten und
infolge dessen die Front zusammenbrach.
Beim Vorrücken der alliierten Truppen im Zweiten Weltkrieg
zeigte sich jedoch an allen Fronten eine hohe Widerständigkeit
seitens der Zivilbevölkerung, der »Volkssturm«
und der »totale Krieg« waren nun wirklich alles andere
als eine alliierte Erfindung. Schließlich fielen allein
bei der Befreiung Berlins über 13 000 sowjetische Soldaten,
zu einem Zeitpunkt also, an dem »Deutschland schon erledigt
war«, wie es Augstein behauptete. Diese Sowjetsoldaten waren
zuvor durch ein Gebiet marschiert, in dem die deutsche Strategie
des »totalen Krieges« nichts als »verbrannte
Erde«, wie es die Deutschen nannten, und rund 27 Millionen
Tote zurückgelassen hatte.
Bei Friedrich aber wird das alles auf einen Krieg gegen Deutsche
reduziert: »Die Angriffswellen der Lancaster und Boeing
17, ohne Zahl und ohne Schranken, sollten so lange Städte
in den Grund versenken, bis keine mehr übrig war. Darum endeten
auf den letzten Metern zum Waffenstillstand Freiburg, Heilbronn,
Nürnberg, Hildesheim, Würzburg, Mainz, Paderborn, Magdeburg,
Halberstadt, Worms, Pforzheim, Trier, Chemnitz, Potsdam, Dresden,
Danzig und andere.« Das heißt nichts anderes, als
dass die Alliierten zuletzt wahllos bombardiert hätten.
Wenn man die diversen Kriegsberichte alliierter Soldaten liest,
so entsteht ein anderes Bild. Durchgehend konnten es die Soldaten
und Kriegsberichterstatter nicht fassen, welcher Widerstand ihnen
entgegengesetzt wurde. Vor allem aber waren sie irritiert, dass
sich die Deutschen für Opfer hielten. Diesen Leuten, die
zu einer Revolte nicht fähig waren und sie nicht wollten,
sollten die alliierten Truppen, so schlagen es Friedrich, ein
Großteil seiner Rezensenten und Bölsche vor, im fairen
Bodenkampf begegnen. Sie sollten ihr Leben jenen opfern, die die
Befreiung nicht wollten.
Wie die so genannten Debatten um die deutschen Opfer des Zweiten
Weltkrieges, die doch stets nur Einigkeit demonstrieren, zeigen,
ist es den Deutschen bis heute nicht gelungen, sich von ihrem
Opferressentiment zu lösen. Sie werden erst Ruhe geben, wenn
sie den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben.
Jörg Friedrich: Der Brand Deutschland im Bombenkrieg
19401945. Propyläen Verlag, Berlin 2002, 592 S., 25
Euro
up
|