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Ein Thema macht derzeit Furore: Der anglo-amerikanische Luftkrieg
gegen Hitlerdeutschland. Es fügt sich ein in den Rahmen einer
mit Günter Grass Buch vom Untergang der Wilhelm Gustloff
begonnenen Publizistik über die Rückwirkungen des von
ihnen ausgelösten Krieges auf die Deutschen selbst: Also neben
Flucht und Vertreibung nun die Zerstörung der Städte.
Akut angefacht worden ist die Diskussion durch das Buch Der Brand
- Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945 des verdienten Berliner Historikers
Jörg Friedrich: Eine Chronik des Grauens von fast sechshundert
Seiten.
Keine Mißverständnisse: Es gibt nichts dagegen einzuwenden,
auch diese Seite des Zweiten Weltkrieges zu erforschen. Nur kommt
es auf die Einordnung in das Gesamtinferno an. Und da gibt es Anlaß
zur Sorge.
Voran: Ich habe alle Höllen des Luftkrieges erlebt, von der
Bedrohung durch Verbrennen und Ersticken bis zur Verschüttung
und Ausbombung, und habe zudem als Zwangsarbeiter in Hamburg Leichenreste
aus verkohlten Trümmern bergen müssen. Ich erlaube deshalb
keinerlei Zweifel an meiner Anteilnahme am Schicksal dieser Toten
- sie ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich
jedoch war und ist für mich dies: "Die da oben" waren
Teile meiner Befreier! Auch inmitten von Dynamit und Phosphor schwankte
ich keine Sekunde: Primärverantwortlich für jeden Zivil-
und Militärtoten des Zweiten Weltkrieges sind diejenigen, die
ihn geplant und ausgelöst hatten: Hitler und seine Anhänger!
Also auch für die halbe Million deutscher Lufttoter. Diese
Verantwortlichkeit, ihre Kausalität und ihre Chronologie, müssen
die Grundlage jeder Diskussion bleiben.
In dem Buch geschieht das eher am Rande. Was darin in Form einer
Anklage posthum eingefordert wird, ist die Humanisierung des Krieges,
und zwar einseitig gerichtet an das westalliierte "Bomber Command":
Schonung der Zivilbevölkerung beim Luftkrieg. Dazu werden immer
wieder die etwa fünfundsiebzigtausend umgekommenen Kinder angeführt.
Richtig sie waren unschuldig, wie Kinder immer unschuldig sind.
So unschuldig, wie die anderthalb Millionen im Gas erstickten jüdischen
Kinder - schreibe ich hier nieder, und schrecke doch schaudernd
davor zurück. Denn tappe ich damit nicht genau in die Falle
jener entseelten Totenarithmetik, die der Hinweis auf die schuldlosen
Kleinen geradezu heraufbeschwört?
Was ich als eigentliche Unzulässigkeit des Buches meines langjährigen
und über jeden Verdacht der Aufrechnung erhabenen Freundes
Jörg Friedrich empfinde, ist die absichtsvolle Herausgehobenheit
des "Bomber Command" aus dem fürchterlichen Gesamtgeschehen.
Ging es doch auf allen Schauplätzen dieses deutschen Angriffs
auf Europa, auf die Welt und die Menschheit genau so grausam zu,
mit den gleichen Tötungsdetails, die die deutschen Städte
durch den Luftkrieg auflisten können - nur in den ungleich
größeren Dimensionen des Bodenkrieges. Was Hamburg, Köln,
Pforzheim, Würzburg oder Dresden im Großen widerfuhr,
das erlitten siebzehntausend durch Artillerie, Panzer, Granaten
oder Flammenwerfer zerstörte Ortschaften allein in der deutsch
besetzten Sowjetunion. Der Brand suggeriert eine kriegshistorische
Einmaligkeit, die es nicht gegeben hat.
Ich rede hier weder vorsätzlicher Tötung von Zivilisten
das Wort noch ignoriere ich die kritischen Stimmen aus dem Lager
der ehemaligen Alliierten. Der "Irrtum" des "Bomber
Command" war im buchstäblichen wie im übertragenen
Sinne mörderisch: nämlich zu glauben, die Deutschen in
einen Aufstand gegen Hitler bomben zu können. Falsch! Denn
mit ihnen, oder ihrer Mehrheit, konnte Hitler machen, was er wollte,
und das, wie die Geschichte ausweist, bis zum letzten Mann. Der
Brand bestätigt das am Beispiel der Selbstjustiz an gefangenen
Piloten: "Vor lauter Vergeltungswut gegen die Luftterroristen
blieb keine Wut gegen die Ohnmachtsregierung." Was aber kann
"Ohnmachtsregierung" hier anderes bedeuten, als einen
"Führer", der spätestens seit dem Eintausend-Bomber-Angriff
gegen Köln im Frühjahr 1942 genau wußte, daß
es keinerlei wirksame Abwehr
gegen die ungeheure anglo-amerikanische Luftüberlegenheit gab,
und der dennoch Stadt um Stadt zerstören ließ? Auch das
kann eine, wenngleich hierzulande offenbar selten genug gedachte
Interpretation des Luftkrieges sein.
Bleibt die Frage: Bedient das Buch und seine Rezeption durch die
Öffentlichkeit die Rolle, in der nur allzu viele Deutsche sich
am wohlsten fühlen: die
des Opfers? Wird die Quintessenz von Lektüre und Diskussion
schließlich doch wieder auf nichts anderes herauslaufen, als
daß der wahrhaft Böse eben "Bomber Harris"
heißt, und nicht Adolf Hitler? Oder obsiegt nach einem halben
Jahrhundert demokratischer Sozialisation heute endlich eine Generation,
die zwar über die deutschen Opfer des Luftkrieges trauert,
wie auch über die von Flucht und Vertreibung, ohne darüber
die Aggressoren aus ihrer Verantwortung zu entlassen?
Jörg Friedrich hat sich mit bestechenden Standardwerken über
die NS-Geschichte ausgewiesen als ein Historiker von hohen Graden.
Wir sind uns nicht umsonst nahegekommen. Nun allerdings überschreitet
er in Anklägerpose beunruhigender Weise dort eine Linie wo
er, wie auch der bekannte Bielefelder Zeitgeschichtler Hans-Ulrich
Wehler moniert, Bomberflotten mit "Einsatzgruppen", brennende
Luftschutzkeller mit "Krematorien" und die Toten des Luftkrieges
mit "Ausgerotteten" vergleicht. Da hat der Freund meine
Schmerzgrenze überschritten.
Im übrigen unterschlägt er keineswegs die hohen Opfer,
die der Luftkrieg gegen Hitlerdeutschland vom Personal des "Bomber
Command" forderte etwa fünfundfünfzigtausend,
das heißt, die Hälfte der angloamerikanischen Piloten
und Mannschaftsmitglieder der "fliegenden Festungen" ließ
ihr Leben dabei. Es wäre gut gewesen, dieser Seite mehr Platz
einzuräumen.
Und noch ein Notabene, ohne das ich nicht enden will: Am Morgen
nach der Nacht, die Dresdens Untergang brachte, also am 14. Februar
1945, ging aus Hamburg der letzte Transport von Juden nach Theresienstadt
ab: Das Ende des "Dritten Reiches" stand auf der Welttagesordnung,
alles ging hier drunter und drüber - nur Eichmanns Deportationsmaschine
funktionierte noch.
Daß zwischen den beiden Ereignissen unterschiedlicher Schrecklichkeiten
eine kausale Verbindung besteht, werde ich mir gerade angesichts
einer immer deutlicheren Sehnsucht nach dem "Schlußstrich"
nicht ausreden lassen.
von Ralph Giordano , 15. Januar 2003
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