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World Nr. 8 vom 19. 2. 2003
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Last Night of the Bombs
In Dresden gedenkt man der Bombennacht von
1945. Und glaubt fest daran, dass der Krieg der Alliierten unschuldigen
Frauen und Kindern galt.
von martin blumentritt
Auch in diesem Jahr fanden in Dresden zahlreiche
Veranstaltungen zum Gedenken an die Bombennacht von 1945 statt.
Friedensläufe, Kranzniederlegungen, Ehrungen der Trümmerfrau,
Kunstprojekte, eine »Nacht der Stille« gar. Viele
dieser Events waren mit Warnungen vor dem zu erwartenden Krieg
im Irak verbunden. Auch die Kooperation der Stadtverwaltung Dresdens
war in diesem Jahr gut, was sich daran zeigte, dass im Innenstadtbereich
außer der offiziellen Gedenkfeier nur die Neonazidemo »Gegen
das Vergessen« erlaubt wurde, während alle anderen
Veranstaltungen, auch solche mit Beiträgen der Überlebenden
des Naziterrors, verboten wurden. Offensichtlich will man von
den Gründen für die Bombardierung Dresdens wenig wissen.
Immerhin hatte selbst die Spiegel-Serie
»Über den Bombenkrieg gegen die Deutschen« die
Gründe für den Bombenkrieg erwähnt - und dabei
doch Linke diffamiert: »Deutsche Linksextremisten wiederum
versuchen, nicht minder hirnrissig, ihre rechtsradikalen Antipoden
an den Jahrestagen der Schreckensnächte mit Freudenfesten
zu provozieren, und preisen die Kinder- und Frauenverbrennungen
von Hamburg und Dresden forsch als politisches Erziehungsmittel.«
Die Freude darüber, dass die Alliierten Nazideutschland bezwungen
haben, wird im Spiegel also pathologisiert, während in Formulierung
und Gestus die Deutschen zu Opfern stilisiert werden.
Die diesjährigen Gedenkfeiern scheinen
fast ausschließlich eine Dämonisierung der Angriffe
anzustreben, um diese zum unbegründeten Terror gegen Frauen
und Kinder zu erklären. Solche Schilderungen eines ungleichen
Kampfes zwischen Bombern und der Zivilbevölkerung blenden
aus, dass die Bomber gegen feindliche Verteidigungskräfte,
Jagdflugzeuge und Flak-Batterien antraten. Auf dem Weg zu den
Zielobjekten saßen die Piloten frierend und beengt in unbequemen,
lauten, leicht verwundbaren Flugzeugen, die sie durch einen dichten
Sperrriegel von Flugabwehrgeschützen lenken mussten. Wetterbedingungen,
Treibstoffknappheit und Beschädigungen durch Flak-Treffer
machten jeden Einsatz zu einer militärischen Konfrontation,
die das Todesrisiko der Besatzungen deutlich erhöhte.
Die Ursache für das gängige Ausblenden
derartiger Fakten ist schnell ausgemacht. Jörg Friedrichs
Buch »Der Brand« (2002, Propyläen Verlag) entfaltete
jüngst in der Öffentlichkeit seine Wirkung und liefert
die Rechtfertigung der jährlichen Gedenkfeiern, die eine
mythische Vorstellungswelt vom Luftkrieg fortschreiben.
Der weit verbreiteten Auffassung, dass der
Brandkrieg und der Luftterror vor allem deutschen Frauen, Kindern
und Greisen galten, trat bereits Richard Overy in seinem Buch
»Die Wurzeln des Sieges« (2002, Rowohlt-Taschenbuch)
entgegen: »(Der britische General) Harris hegte nicht den
geringsten Zweifel daran, dass die Moral ein äußerst
problematisches Zielobjekt darstellte und einem aus der
Verzweiflung geborenen Rat entsprang. Er ging davon aus,
dass die Deutschen nicht so schnell zu demoralisieren waren, wie
seine Kollegen hofften, und bezweifelte sogar den strategischen
Nutzen der Zerstörung der Moral, angesichts einer Alltagswirklichkeit,
zu der das Konzentrationslager um die Ecke gehörte.
Harris hielt vielmehr an seiner Überzeugung fest, dass es
darauf ankomme, die materielle Kriegsfähigkeit Deutschlands
zu zerstören, und dieses Ziel war seiner Ansicht nach nur
mit massiver und fortgesetzter Bombardierung zu erreichen.«
Aber solche Sachverhalte auszublenden, ist
nicht alles. In Formulierung und Gestus werden bei Jörg Friedrich
Täter und Opfer verkehrt, Luftschutzkeller werden zu »Krematorien«,
Bombenopfer zu »Ausgerotteten«, die fünfte Gruppe
des Bomberkommandos wird zur »Einsatzgruppe«. Nur
noch Nazi-Demagogen übertreffen solche Formulierungen, indem
sie das Bombardement Dresdens zum eigentlichen Holocaust erklären.
Überhöhte Opferzahlen kursieren
im Fall Dresden schon seit längerem. Die aus der Goebbels-Propaganda
stammenden Zahlen - an die realistischen Zahlen zwischen 20 000
und 35 000 wurde jeweils eine Null gehängt - wurden jedoch
im Spiegel als Schätzungen statt als Lügen erwähnt.
Die Propaganda der ehemaligen DDR verhielt
sich da auch nicht anders als die der BRD heute noch. Ministerpräsident
Otto Grotewohl erklärte 1952 die Bombardierung Dresdens zum
unsinnigen Verbrechen, das dazu gedient habe, der siegreichen
Sowjetarmee das weitere Vordringen unmöglich zu machen. In
Wahrheit drangen die Sowjets 1942 auf eine Forcierung des Krieges
seitens der Alliierten. Als die Schlacht vor Stalingrad zugunsten
Deutschlands auszugehen schien, veröffentlichte die Prawda
eine Karikatur, die die Briten geißelte: Ihnen wurde vorgeworfen,
es versäumt zu haben, durch einen Angriff auf die Deutschen
der Roten Armee zur Hilfe zu kommen.
Churchill legte ein Angebot auf den Tisch:
die Bombardierung Deutschlands und eine britisch-amerikanische
Landung in Nordafrika im Jahr 1942. Ein Vorhaben, das Stalin gefiel,
auch aufgrund der bevorstehenden Niederlage Rommels und des Kriegsaustritts
Italiens. Stalin regte zudem an, in Deutschland neben Fabriken
auch Wohnhäuser zu bombardieren. Noch im Februar 1945 begrüßte
der KPD-Führungskader Anton Ackermann die Hilfe, die die
schweren Luftangriffe der Alliierten für die Rote Armee bedeuteten.
Richard Overy weist nach, dass erst der
Bombenkrieg den - fast bis zum Schluss unsicheren - Sieg der Alliierten
ermöglichte. Denn für die Royal Air Force war der Bombenkrieg
zunächst einmal eine sehr verlustreiche Sache.
Erst im Frühjahr 1942, nachdem Arthur
Harris zum Chef des Bomber Command ernannt wurde, führten
die Alliierten Verbesserungen ein, die erst vollendet waren, als
in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 die Royal Air Force
die bis dahin weitgehend verschonte Stadt Dresden mit großen
Bomberverbänden überflog. Der erste Angriff löste
einen Feuersturm aus, der die Innenstadt niederbrannte. Hierbei
kamen 15 000 bis 30 000 Menschen um, da für den Luftschutz
nicht hinreichend gesorgt war. Am folgenden Tage ging ein dritter
Angriff auf das Stadtgebiet nieder, der wegen des Wetters und
fliegerischer und technischer Pannen wenig erfolgreich war und
das Ziel, den Verschiebebahnhof Friedrichstadt, verfehlte.
Wenn die Erinnerungsveranstaltungen vielerorts
mit der Warnung vor einem Krieg im Irak verbunden sind, hat das
auch mit dem zu tun, was man in Dresden aus der Geschichte lernen
möchte.
Gott, so es einen gibt, bewahre uns
vor solchen Pazifisten!
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